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Furchtlos und treu. Zur Geschichte einer Devise 1817-1952

Im Juni 1933 schreibt Konrad Graf von Degenfeld als Vorsitzender des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern einen Brief an das Württembergische Staatsministerium. Nachdem die „nationale Revolution“ in so vielen Bereichen die ursprünglichen Verhältnisse vor der anderen Revolution 1918 wiederhergestellt habe, bitte er darum, dies auch beim Wappen des Landes zu tun, insbesondere durch die Wiederaufnahme der Devise „Furchtlos und trew“. Degenfeld hat Glück, denn in der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des Staatsministeriums, residieren seit der in Württemberg im Frühjahr in mehreren Phasen vollzogenen „Machtergreifung“ nun gleich zwei nationalsozialistische Herren, Ministerpräsident Mergenthaler und ihm übergeordnet sein Rivale, Gauleiter und Reichsstatthalter Murr. Zwischen ihnen aber amtierte seit 1919 als Vertreter der Kontinuität der wirkliche Staatsrat Dr. Leopold Hegelmaier. Er hatte dem letzten König und vier Staatspräsidenten gedient und stand nun kurz vor der Pensionierung. Der Staatsrat veröffentlichte eine Denkschrift zu den „Staatsformen“ Monarchie, Demokratie und Diktatur (1925) und leitete die Kommission zur Ausarbeitung einer Verwaltungsrechtsordnung für Württemberg, deren rechtsstaatliche Ambitionen sich selbstbewusst neben das Werk von Bill Drews und anderen Reformern in Preußen stellten. Sie wurde 1931 zwar publiziert, aber nicht mehr in Kraft gesetzt. Mit dem Ende des Rechtsstaats 1933 war Hegelmaiers juristisches Meisterstück obsolet. In seinen Erinnerungen unter dem charakteristischen Titel „Beamter und Soldat“ (1937) hat er beschrieben, was nun geschah. Durch den Brief des Grafen bot sich die Gelegenheit, in die Symbolpolitik ausweichend noch ein Zeichen zu setzen. Die Akten des Staatsministeriums zeigen, wie effektiv und konsequent es Hegelmaier verstand, binnen weniger Wochen die Zustimmung eines an der Sache wenig interessierten Kabinetts und des Reichsstatthalters zu erreichen. Die Nationalsozialisten achteten nur darauf, monarchistische Ausschmückungen der Heraldiker zu vermeiden, sie ließen die Devise selbst aber passieren. Schon am 18. August wird das neue Wappen als Gesetz verkündet

Es hatte eine andere Bedeutung, als der Anlass vermuten lässt, also die Bitte des Heimatschutzes um Restitution eines monarchischen Wappens, das 1918 mit der Abdankung des letzten Königs durch eine möglichst nüchterne Behelfssymbolik ersetzt worden war, nachdem es viele Jahrzehnte vor allem die Traditionspflege konservativer Kriegerverbände begleitet oder die Titelseiten patriotischer Anthologien geschmückt hatte. Denn ursprünglich war „furchtlos und treu“ viel mehr als eine Parole gewesen. Es war die Gründungsformel der schwäbischen Nation, die den Pakt zwischen Volk und Monarch besiegelte, allein erklärlich aus den besonderen Umständen ihrer Entstehung, den Gründungsjahren des Königreiches zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, Hermann Hesses Wort gilt sicher auch für die schwierige Geburt des modernen Württemberg. 1817, zwei Jahre nach dem Ende Napoleons, befand sich das Land in heftigsten Auseinandersetzungen mit seinem Monarchen. Formal hatte Friedrich I. „Neu Württemberg“ als Königreich 1805 begründet, aber nun ein Jahrzehnt später stand sein junger, mit einer russischen Prinzessin verheirateter Sohn und Nachfolger Wilhelm I. nach der blutigen Überwindung des französischen Imperators vor fast unlösbaren inneren Problemen. Der Hungersommer 1816, ausgelöst durch die klimatischen Folgen eines Vulkanausbruchs in Indonesien, ließ das von den jahrelangen Kriegen ohnehin geschwächte Land verelenden. Die Patrioten verlangten nach einer Verfassung, der Teilhabe an der Macht, und rührten damit an das Urproblem württembergischer Identität, das Verhältnis zwischen herzoglicher Autorität und bürgerlich-bäuerlicher Partizipation, in dieser Kernlandschaft des reichständischen Liberalismus von jeher offener und früher thematisiert als anderswo. Lange Zeit war Menschen, die überleben wollten, nur die Lösung geblieben, sich durch Flucht oder Auswanderung eine „andere Heimat“ (Edgar Reitz) zu suchen. Aber es gab eine Alternative, den konstruktiven Staatsaufbau als gemeinsames Projekt des Königs und seiner Untertanen. Wilhelm I. fand ihn, zunächst durch die Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins (mit dem Cannstatter Volksfest am Geburtstag des Königs) und der landwirtschaftlichen Musteranstalt (der heutigen Universität Hohenheim). Königin Katharina förderte die Bildung des Wohltätigkeitsvereins, aus dem indirekt auch die Württembergische Sparkasse hervorgegangen ist, und gründete das Katharinenstift, die Höhere Mädchenschule. Diese organisatorischen Initiativen haben die Lage des Landes bereits vor der Industrialisierung entscheidend verbessert. Zur Besiegelung der gegenseitigen Verpflichtung auf gemeinsame Ziele bedurfte es aber noch eines Symbols. Es sollte der anderen Seite als Signal dienen, ohne doch (im Jahr des Wartburgfestes) eine politische Konzession des Königs zu bedeuten. Sein Hof hatte ihm dazu Vorschläge unterbreitet, aus denen er sich Ende November 1817 die Devise seines Wappens erwählte (Ernst 2010). Darunter war auch die Wortkombination „Furchtlosigkeit und Treue“ gewesen, deren Herkunft nun aus anderen Quellen erkennbar wird. Im April des Jahres hatte nämlich Ludwig Uhland seiner Verzweiflung über das drohende Scheitern des Verfassungskonflikts im „Gebet eines Württembergers“ Ausdruck verliehen und darauf ein unbekannter Freund eine in ihrem Pathos fast ungeheuerliche Antwort publiziert, in der sich die Strophe findet: „Du wirst“, so sprecht, „nicht vorenthalten, was aller Herzen flehn zurück; du wirst, o König, treu verwalten des Volks dir anvertrautes Glück, das für dich freudig in die Schlachten stürmte und furchtlos Leichen über Leichen türmte.“

Der gleich zu Beginn seiner Regentschaft vor die schwerste Bewährungsprobe gestellte Monarch adaptierte die Botschaft und machte sich die Devise zu eigen, seither von den begeisterten Patrioten unermüdlich an den zunächst symbolisch geschlossenen und 1819 dann auch tatsächlich in einer Verfassung bekräftigten Bund erinnert. Als erster wagte es Uhlands Freund Gustav Schwab, im Jahre 1823 bei der Geburt des neuen Kronprinzen, des späteren Königs Karl I. „im Namen des Stuttgarter Gymnasiums“ die Devise als Mahnung zu verwenden. Karl ist der Sohn der dritten Königin Pauline. Katharina war bereits 1819 verstorben, nicht ohne Mitschuld ihres Mannes, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hatte. „So mögen sich der Mutter Sorgen bezahlen an dem Theuren Sohn; Mit Deinem Volk ist Gottes Segen, Er geht getrost der Ferne zu; Auch wir, wir wachsen ihr entgehen, So furchtlos und so treu wie Du!“

Ein Jahr später ist es Wilhelm Hauff, der kurz vor Antritt seiner Hauslehrerstelle beim Kriegsminister Ernst Eugen Freiherr von Hügel eine Sammlung patriotischer „Kriegs- und Volks-Lieder“ publiziert, in der sich von ihm selbst das Gedicht „Prinz Wilhelm“ findet, nun wiederum ganz auf den Vater und scheinbar nur auf dessen militärische Leistungen bezogen, die pathetisch nacherzählt werden, doch am Ende findet sich mitten in der Devise die Mahnung wieder: „Denn als König zieht der Ritter Nun voraus in’s Schlacht-Gewitter. Furchtlos, wie sein Wort, und treu.“ Als etablierter Autor zitierte Hauff in seinem Geschichtsroman „Lichtenstein“ (1827) gleich zweimal die Devise, zunächst im Sinne des Herzogs, als dieser im obligaten Tapferkeitsdiskurs seine Soldaten lobt. Aber dann erlaubte sich Hauff eine Variation, indem er die subtile Korrespondenz von 1817 in einen realen Dialog verwandelt und das Zitat teilt. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Esslingen hat sich Ulrich auf der Flucht in der Nebelhöhle verborgen. Als er aus dem Schlaf erwacht, unterhalten sich seine Begleiter am Lagerfeuer über die Unruhen des „Armen Konrad“ wenige Jahre zuvor, an denen einer von ihnen, der Pfeifer von Hardt, selbst beteiligt gewesen war. Der Herzog beginnt zu zweifeln, ob seinem Haus je der erhoffte Aufstieg zum Königtum gelingen werde, worauf ihn Ritter von Schweinsberg an den bereits zurückgelegten Weg vom Landadligen zum Herzog erinnert. Doch die Verheißung der Zukunft legt Hauff dem einfachen Untertanen in den Mund. „’Wohlan, so will ich hoffen’, erwiderte Ulerich von Württemberg, ‚…daß Uns das Land verbleibe… Mögen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir, möge man auch von ihnen sagen, sie sind – furchtlos!’ ‚Und treu!’ sprach der Bauer mit Nachdruck…“ (S.388)

Das Symbol der gegenseitigen Treueverpflichtung zwischen König und Untertan, die aus Not und Krise geborene Losung entwickelte im Alltag des 19.Jahrhunderts eine gewisse Eigendynamik, die den Übergang in den zuweilen recht trivialen Normalzustand als kulturelles Instrument signalisiert. Mit der Stabilisierung und Prosperität des Königreichs wird „furchtlos und treu“ zum Musterbeispiel einer „invention of tradition“ (Hobsbawm), wie sie aus der angelsächsischen und europäischen Nationenbildung geläufig ist. Die Bildung staatlicher Identität verknüpft sich mit allen möglichen Konnotationen, sie verallgemeinert das Gründungssymbol, das nun in patriotischen, literarischen und heimatkundlichen Anthologien, in der Traditionspflege des Militärs und auf den Koppelschlössern der Soldaten Verwendung findet. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg versucht sich sogar der Expressionismus dramaturgisch an „Furchtlos und treu“ (Hermann Essig 1911), im Krieg liest dann der Stuttgarter Hofprediger unter dem Motto aus dem Johannisevangelium über die Liebe Gottes (Konrad Hoffmann 1916). Auch im „Dritten Reich“ setzte sich diese Verwendung natürlich fort, wieder erscheinen Anthologien unter dem Titel „Furchtlos und treu“, ein Vortrag des Tübinger Juristen Hans Gerber zur Eröffnung der Verwaltungsakademie im Oktober 1933 gipfelt in der Anrufung des Wappenspruches und kurz vor dem Untergang steht er im April 1945 als „Parole aller Schwaben“ sogar noch einmal auf der Titelseite des NS-Kuriers, der Stuttgarter Tageszeitung des Gauleiters Murr.

All dies konnte die Integrität des Symboles aber nicht berühren, als es 1945 einmal mehr darum ging, einen Neuaufbau aus Ruinen zu wagen. Schon Anfang September wählte sich die wiederbegründete Stuttgarter Freimaurerloge „Furchtlos und treu“ zum Namen, die auf dem Boden ihrer Vorgängerinnen „Zu den 3 Cedern“ und „Wilhelm zur aufgehenden Sonne“ (gegr.1835) entstand und zugleich im Namen an eine frühere Loge in Heilbronn (gegr.1909) anknüpfte. Zu ihren Mitgliedern gehörten der Ministerpräsident des neugebildeten Landes Württemberg-Baden Reinhold Maier (FDP) und der Lizenzträger der Stuttgarter Nachrichten Konsul Henry Bernhard, der einstige Sekretär Gustav Stresemanns. Wurde hier die württembergische Devise unter Zustimmung des amerikanischen Gouverneurs William Dawson gleichsam privatisiert und unter exklusiven Schutz gestellt, wohl auch um die Vereinigung mit den badischen Nachbarn zu ermöglichen, so bleibt sie, bis heute fast unbeachtet, südlich der Autobahn, im französisch besetzten Land Württemberg-Hohenzollern in Kraft. Dort amtierte nun der sozialdemokratische Staatsrat Prof. Carlo Schmid, und er hatte im Unterschied zu seinen Vorläufern 1918/19 keine Bedenken das Wappen in der seit 1933 gültigen Form sowohl auf dem (Gründungs-)Statut seines Staatssekretariats 1945 als auch auf den folgenden staatlichen Dokumenten erscheinen zu lassen, besonders eindrucksvoll auf der Ernennungsurkunde für Staatspräsident Gebhard Müller (CDU) von 1948, nach Reinhold Maier ab 1953 zweiter Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Baden-Württemberg:

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Erst mit dessen Errichtung 1952 endet die offizielle Karriere der Devise, die von Anfang an nicht nur ein royalistisches Motto gewesen war, sondern das Symbol des beiderseitigen Willens zur gelebten guten Verfassung, eine staatspolitische Chiffre von hoher gesellschaftlicher Akzeptanz, die im Zeitalter der Zäsuren wie so vieles das Schicksal der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erfuhr.

 

Nachtrag

Nach Abschluss des Artikels wurde im Hauptstaatsarchiv Stuttgart entdeckt, dass im Herbst 1945 eine dem Innenministerium zugeordnete Behörde, das unter der kurzzeitigen französischen Besatzung Stuttgarts eingerichtete „Amt für Wiedergutmachung der Folgen des Naziterrors“, mit vermutlich selbst gefertigten Briefköpfen arbeitete, auf denen jeweils das württembergische Wappen mit der Devise erschien. Der Leiter dieses in der Literatur durchaus bekannten Amtes, der 1935 emigrierte und nun zurückgekehrte Dr. Franz Fischer, konfrontierte Ministerpräsident Maier anlässlich seines Amtsantritts mit der Forderung, ihm einen eigenen Etat über eine Million Reichsmark zu geben, um NS-Opfer zu entschädigen. Maier konnte oder wollte weder diesen Wunsch noch jenen nach einem Gesetz zur Wiedergutmachung erfüllen, das Fischer als alternative Grundlage seiner Tätigkeit vorschlug. Es kam zum Streit, wobei wiederum auch ein Staatsrat eine Rolle spielte, Maiers rechte Hand, der Buchhändler Konrad Wittwer (FDP). Im Zuge der Neuordnung der Regierung unter Einbindung badischer Minister wurde das Amt dann wenige Wochen später aufgelöst, Personal und Zuständigkeit auf die Ministerien verteilt, der Leiter entlassen. Zur Abwicklung des Intermezzos aber verwendete man nun auch im Innenministerium selbst für ein offizielles, wenngleich internes Schreiben an das Staatsministerium vom 24. November 1945 noch einmal Briefpapier – mit der Devise „Furchtlos und treu“.

 

 

Literatur

Karl Steiff und Gebhard Mehring (Hrsg.): Geschichtliche Lieder und Sprüche Württembergs. Stuttgart 1912

Gustav Schwab: An Denselben (Seine Majestät den König Wilhelm von Württemberg) Bei der Geburt des Kronprinzen 1823.

Wilhelm Hauff: Prinz Wilhelm, in: Kriegs- und Volks-Lieder. Stuttgart 1824

Wilhelm Hauff: Lichtenstein. Romantische Sage aus der württembergischen Geschichte. Stuttgart 1988.

Regierungsblatt für Württemberg Nr.44 vom 18. August 1933

Hans Gerber: Politische Erziehung des Beamtentums im Nationalsozialistischen Staat, Tübingen 1933

Leopold Hegelmaier: Beamter und Soldat 1884-1936. Lebenserinnerungen. Stuttgart 1937

Nachlass Gebhard Müller HStAS Sign. Q 1/35 Bü 1069

Albrecht Ernst: Furchtlos und treu. Beobachtungen zur Entstehung der württembergischen Wappendevise, Rundbrief des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins Nr.10 – Oktober 2010.

HStA Stuttgart Staatsministerium Sign. EA 1/920 Bü. 709

Constantin Goschler: Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus 1945-1954. München/Wien 1992

 

Dank an Albrecht Ernst, Judith Bolsinger und Eberhard Merk

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