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Die Feierlichkeiten an den Jahrestagen der nationalsozialistischen Machtübernahme in Baden 1934–1943

Der prall gefüllte politische Festkalender des „Dritten Reiches“, der sich vom „Tag der nationalen Erhebung“ am 30. Januar bis zum „Gedenktag für die Bewegung“ am 9. November erstreckte, bot regionalen Sonderentwicklungen wenig Raum, jedenfalls sofern eine erinnerungspolitische Übersättigung vermieden werden sollte. Gleichwohl versuchten die badischen Nationalsozialisten, den Tag der Machtübernahme in Karlsruhe – als Bezugspunkte hierfür kamen der Einzug Robert Wagners als Reichskommissar am 9. März 1933 oder auch die Absetzung der letzten demokratisch legitimierten Landesregierung zwei Tage später in Frage – als Festtag zu inszenieren. Dass dies nicht dauerhaft gelang, soll der folgende kurze Überblick zu den Feierlichkeiten in den Jahren von 1934 bis 1943 illustrieren, der auch die Frage streifen wird, wie sich die Bedeutungszuschreibungen der Machtübernahme in regionaler Perspektive wandelten.

„Der Führer“ vom 9. März 1934 | Klicken für gesamten Artikel

Auf den ersten Jahrestag der Machtübernahme stimmte das nationalsozialistische Parteiblatt „Der Führer“ seine Leserinnen und Leser am 8. März 1934 mit dem Abdruck eines Standortsonderbefehls des Führers der SA-Brigade Mittelrhein ein. Diesem hatte Reichsstatthalter und Gauleiter Wagner die Leitung eines Marsches übertragen, der am Folgetag die Stationen seines Zuges vom Engländerplatz zum Schlossplatz nachvollziehen sollte, wo Wagner am 9. März 1933 mit der Entmachtung des bisherigen Innenministers Erwin Umhauer und der Inbesitznahme der Polizeigewalt den Grundstein für die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur in Baden gelegt hatte. Den inzwischen „historischen Marsch“ zum Schlossplatz rief „Der Führer“ in seiner Morgenausgabe vom 9. März 1934 im Detail in Erinnerung und prognostizierte, dass bei der Reinszenierung des Ereignisses „statt der 3000 von damals heute 30000 marschieren“ werden „und die Straße sich … verwandeln“ werde „in einen unabsehbaren, endlosen Menschenstrom“.

Die historische Deutung des Ereignisses lieferte in der gleichen Ausgabe ein Leitartikel, der dem 9. März wenig Heroisches unterlegte, sondern ihn als längst überfälligen Zusammenbruch eines überlebten Systems schilderte. Zwar sei es nötig gewesen, die „Hauptgrößen des rot-schwarzen Verrätersystems“ sofort in „Schutzhaft“ zu nehmen; die Sympathie der Bevölkerung für die Machtübernahme sei aber so groß gewesen, dass Wagners Marsch statt eines Eroberungs- ein Triumphzug gewesen sei: „Die Herzen von Hundertausenden schlagen höher, jubeln, weinen vor Freude und Dankbarkeit. Die Herzen derer, die schlechten Gewissens sind, droht die Angst zu zersprengen. Knieschlotternd erwartet mancher Landrat, Regierungsrat, Bürgermeister und Gemeinderat das drohende Gericht“. Wichtiger als die regionale Perspektive war dem Leitartikler indes die übergreifende Bedeutung des 9. März: Mit der Absetzung der bisherigen Regierungen „in den süddeutschen und anderen Ländern“ war „für Deutschland ein Akt vollzogen, dessen gewaltige Bedeutung damals vielleicht nur die wenigsten klar erkennen konnten und dessen tiefen Sinn wir erst heute voll begreifen, wo bereits der Weg von der Zerstörung der alten Überreste des Partikularismus weiter gegangen worden ist und deutsche Staat des deutschen Volkes in seinen großen Fundamenten bereits vor uns steht“.

Das hierin aufscheinende Grunddilemma badischer Machtübernahmefeierlichkeiten, nämlich dass der 9. März 1933 als der Ausgangspunkt eines Zentralisierungsprozesses erschien, in dessen Verlauf sämtliche regionale Sonderidentitäten verloren zu gehen drohten, blendete Wagner konsequent aus, als er am Nachmittag des 9. März 1934 am Zielpunkt des angeblich von 80.000 Zuschauern gesäumten Zuges nach Abschreiten der Front der Polizei seine Festansprache hielt. In ihr zog der Reichsstatthalter eine rein badische Leistungsbilanz, in der er drei Hauptaufgaben der „Aufbauarbeit“ des vergangenen Jahres hervorhob: Es sei zunächst darum gegangen, „die staatliche und kommunale Verwaltung und die gesamte Polizei einer gründlichen Wiederherstellung zu unterziehen, um endlich wieder den Geist in das Beamtentum hineinzutragen, der unser Volk vorwärts und aufbringen muß“. Hierzu seien „mehr als tausend Männer anderer Weltanschauung aus Verwaltung und Polizei ausgeschieden“ worden. Zweitens sei es nötig gewesen, „den Marxismus zu überwinden und den Kommunismus niederzuwerfen“. Auch dies sei gelungen, meinte Wagner, der sich erfreut darüber zeigte, dass der „einst marxistische Arbeiter eine der zuverlässigsten und treuesten Stützen des neuen Deutschland geworden ist“. Drittens mussten „die gesamten Träger des Verfalls, des Niedergangs und der Zerrissenheit unseres Volkes ausgeschaltet werden“. Wagner glaubte, „auch hier feststellen zu dürfen, daß diese Aufgabe im Verlaufe dieses einen Jahres nationalsozialistischer Führung und Arbeit gelöst ist“, und sah sich deshalb veranlasst, Gnade walten zu lassen: 40 Personen, „die wir wegen ihrer inneren Einstellung zum neuen Staat in Schutzhaft nehmen mußten“, wurden zum Festtag der Machtübernahme in Baden auf freien Fuß gesetzt. Darunter befanden sich auch der im Konzentrationslager Kislau einsitzende frühere sozialdemokratische Landesminister Adam Remmele und sein Sekretär Hermann Stenz, der sich einem begleitenden Bericht im „Führer“ zufolge in der Haft ausgezeichnet geführt und „in dreivierteljähriger Arbeit … hervorragende Stukkateurarbeiten im früheren Kislauer Lustschlößchen geleistet“ hatte.

Walter Köhler, 1929. GLA Karlsruhe 231 Nr. 2937 (980) | Klicken zum Vergrößern

Standen die Karlsruher Machtübernahmefeierlichkeiten im Jahr 1934 somit ganz im Zeichen der nachträglichen Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern von 1933, die erfolgreich ausgeschaltet worden seien, so setzte Ministerpräsident Walter Köhler ein Jahr später andere Akzente bei der Feier, die 1935 am 11. März und in wesentlich kleinerem Rahmen durchgeführt wurde: als ein „Staatsakt“ im großen Sitzungssaal der Reichsstatthalterei in Anwesenheit der badischen Minister sowie der „Spitzen der Partei, der staatlichen und städtischen Behörden und der Wirtschaft“. Auch für Köhler waren der Bezugspunkt die vermeintlich unhaltbaren Zustände in Baden am Vorabend der Machtübernahme, die er allerdings ohne Schuldzuweisungen an rote oder schwarze „Verräter“ nur allgemein schilderte. Dabei richtete er den Fokus auf die Wirtschaft und die Finanzen, „deren Zustand geradezu grauenerregend war“. Nach dem Lob der Errungenschaften, die er selbst als Finanz- und Wirtschaftsminister auf diesem Feld habe verbuchen können, kam Köhler dann auf die Gegenwartsfragen zu sprechen, indem er das im „Führer“-Leitartikel des Vorjahres aufgeworfene Problem von Zentralisierung und Regionalidentitäten aufgriff und auf die einige Wochen zuvor erfolgte Aufhebung der Landesjustizministerien verwies. Zwar werde die „Reichsreform“ weitergeführt; es bestehe „indessen keinerlei Grund zur Nervosität. Es wird nichts zerstört, was in Jahrzehnten und Jahrhunderten organisch gewachsen ist, sondern aufgebaut. Wir wissen, daß das Reich, das die Lage Badens klar erkennt, richtige Entscheidungen treffen wird“.

Waren die Feierlichkeiten von 1935, bei denen Köhler den Zuhörern Mut zusprach, auf die Weisheit der Reichsreformer in Berlin zu vertrauen, deutlich bescheidener gestaltet worden als im Vorjahr, so entfielen sie 1936 ganz – Grund dafür war ein Besuch Adolf Hitlers am 12. März in Karlsruhe, wo er im Hochschulstadion eine Rede hielt und somit keinen Platz für eine konkurrierende Veranstaltung ließ, zumal wenn diese badische erinnerungspolitische Implikationen haben sollte. Nachdem auch 1937 der Tag der badischen Machtübernahme ohne Festlichkeiten blieb, wurde 1938 eine Fünfjahresfeier begangen: In „einer gewaltigen Großkundgebung“ vor „12000 Volksgenossen“ sprachen am 9. März sowohl Ministerpräsident Köhler als auch Reichsstatthalter Wagner in der Karlsruher Markthalle.

Zunächst gehörte die Bühne Köhler, der inzwischen für den Spagat zwischen Zentralisierung und Regionalidentität die Formel „deutsche Politik am Oberrhein“ gefunden hatte. In der Sache wusste der Ministerpräsident nicht viel mehr zu berichten als drei Jahre zuvor, konnte die finanz- und wirtschaftspolitische Leistungsbilanz seiner Regierung nun aber wesentlich ausschmücken: Die führende Stellung Badens im Reich „auf dem Gebiet der Landgewinnung“ wurde ebenso angesprochen wie die Ertragssteigerungen im Anbau von Zuckerrüben und Wintergerste sowie der frühe Anschluss Badens an die Reichsautobahn. Mochten Köhlers Ausführungen eher kleinteilig wirken, so widmete sich Wagner anschließend dem großen Ganzen, indem er in nur ganz lockerer Verbindung mit dem Festanlass über die Partei und die nationalsozialistische Weltanschauung sprach. Regionalspezifische Aspekte fanden sich in Wagners Rede, die so oder so ähnlich auch von jedem anderen Reichsstatthalter oder Gauleiter hätte gehalten werden können, nur in der Schlusspassage, in der er das Wachstum der badischen Parteiorganisation von 24.000 Mitgliedern im Jahr 1933 auf 168.000 im März 1938 würdigte.

1939 verstrich der 9. März in Karlsruhe erneut ohne Feier – welche Rolle dabei das offenkundige Fehlen jeglicher Leitgedanken, die eine regionale Machtübernahmefeier legitimieren konnten, spielte, muss offenbleiben. Immerhin mühte sich in diesem Jahr der Hauptschriftleiter des „Führers“, Karl Neuscheler, um eine Aktualisierung des Gedenktags und rückte in einem Leitartikel die geostrategische Bedeutung der badischen Machtübernahme von 1933 in den Vordergrund: Der 9. März sei der „Tag der großen politischen Wende am Oberrhein“, wo bis dahin eine rot-schwarze Hochburg zum „Unglück des ganzen Reiches“ bestanden habe. In dieser „Weißglut der Reichsfeindlichkeit“ sei von Wagner „hier im Gau Baden schon früh eine kämpferische Garde der völkischen Revolution geschmiedet worden, die allen Stürmen zu trotzen im Stande war. Hier mußte der Kelch des Leidens aller aufrechten Deutschen bis zur Neige getrunken werden. Hier ist deshalb auch hart am gemeinsten und brutalsten Feinde die siegesgewaltige nationalsozialistische Idee mit am tiefsten in die Seele gebrannt worden“. Folglich hatte der 9. März für Neuscheler eine überregionale Bedeutung: „Aus einer Hochburg internationaler Verseuchung und nationaler Niedergeschlagenheit eine Hochburg fanatischen völkischen Glaubens und Willens zu machen, das ist schon eine einmalige geschichtliche Tat innerhalb des großen Befreiungswerkes des Führers. Das war die erste, die eigentliche, innere Rheinlandbefreiung hier in der Südwestecke des Reiches“.

„Der Führer“ vom 11. März 1943 | Klicken zum Vergrößern

Neuschelers Nationalisierung des Karlsruher 9. März 1933 mochte ein lukratives Interpretationsangebot sein, das mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und die durch ihn akut gewordene „Grenzmarkstellung“ Badens noch an Plausibilität gewinnen konnte; zu einer nachhaltigen Belebung des badischen Machtübernahmetages in der politischen Festkultur führte sie indes nicht. Erst zu seiner zehnten Wiederkehr wurde er wieder gefeiert, allerdings nicht in einem Staatsakt, sondern in lokalen Festveranstaltungen der örtlichen Parteiorganisationen. Am 9. März 1943 versammelten sich zum Beispiel in Karlsruhe die Parteigenossen der Ortsgruppe „dicht gedrängt“, in den ersten Reihen „die alten Parteigenossen, Männer und Frauen der Bewegung, die bereits lange vor 1933 sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit – oft unter nicht geringen Schwierigkeiten! – für die Ziele des Nationalsozialismus in Baden einsetzten und die nun auch heute wieder, an dem Tag, wo vor zehn Jahren der Gauleiter die Macht übernahm, besonders geehrt werden sollen“. Bei der Ehrengabe, die sie erhielten, handelte es sich um einen aufwendig gestalteten „Bildbericht vom Kampf der badischen Nationalsozialisten“, der nicht in erster Linie auf die Machtübernahme selbst, sondern auf dessen Vorgeschichte zurückblickte. Das Anliegen dieser parteiamtlichen Publikation war wenig subtil: Durch die Parallelisierung der „Kampfzeit“ der NSDAP vor 1933 mit der aktuellen Lage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg – im Vorwort verwies Wagner auf das „aufpeitschende Fanal von Stalingrad“ – sollten Durchhaltewillen und Siegeszuversicht der Altparteigenossen, die an ihren Vorbildcharakter erinnert wurden, gestärkt werden. Nur eine Nebenrolle spielte der 9. März 1933 in dem „Bildbericht“ mit einigen Fotos vom Einzug Wagners in Karlsruhe, der als bloßer Epilog des vermeintlich heroischen Kampfes erscheint, den die badischen Nationalsozialisten in den Vorjahren geführt hatten.

Quellen:

Der Führer, 8.–10.3.1934, 12.3.1935, 9.3.1938, 9.3.1939, 9.–11.3.1943.

 

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