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„Hornbebrillte Memmen oder Kerle, die das Leben anpacken?“ Ein Konflikt zwischen Kultusminister Otto Wacker und der badischen NS-Parteipresse über die Schulpolitik im Sommer 1934

Badischer Kultus- und Justizminister Otto Wacker. Fotographie aus: Der Reichstag (Hrsg.): Der Großdeutsche Reichstag, Wahlperiode nach d. 30. Jan. 1933, verlängert bis zum 30.1.1947, Berlin 1938, S. 550 | Klicken zum Vergrößern

Der badische Kultusminister Otto Wacker, in dessen Ressort nach Einschätzung seines Ministerkollegen Paul Schmitthenner der „Lufthauch schneidender“ war als in den übrigen Landesministerien, trat im ersten Jahr nach seiner Amtseinsetzung in der Schulpolitik mit zahlreichen Maßnahmen hervor, die darauf zielten, das badische Schulwesen rasch nach den nationalsozialistischen Leitvorstellungen umzugestalten. Hierzu zählten neben verschiedenen Erlassen, die zum Beispiel den „Deutschen Gruß“ im Unterricht einführten, und einer weitgreifenden Volksschulreform, für die Wacker einen scharfen Konflikt mit dem Reichsinnenministerium riskierte, das den Ländern keinen Raum für eigene Schulgesetze mehr lassen wollte, vor allem massive Eingriffe in den Personalbestand der Schulen: Wacker beließ es nicht bei den politischen und rassistischen „Säuberungen“ auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, sondern vollzog durch Beförderungen, Versetzungen und Zurruhesetzungen ein umfangreiches Personalrevirement vor allem in den Schulaufsichtsbehörden und bei den Schulleiterpositionen.

So große Unruhe Wackers Personalpolitik in den Schulen auch verursachte, ging sie doch einigen seiner Parteigenossen offenkundig nicht weit genug. Dies zeigte ein im Karlsruher NS-Parteiblatt „Der Führer“ am 23. Juni 1934 in der Rubrik „Aus der Bewegung“ erschienener Artikel, der unter der Überschrift „Wir revolutionieren die Schule“ den „Schluß mit verkalktem Paukersystem“ forderte. Anlass zu dem knappen glossenartigen Text hatte dem anonymen Verfasser ein Erlass des gerade neu eingerichteten Reichserziehungsministeriums geboten, der die Präsenz der Hitler-Jugend in den Schulen regelte und die Lehrer zur Teilnahme an politisch bildenden „Gemeinschaftslagern“ verpflichtete. Der Artikel begrüßte beide Maßnahmen und wies mit Nachdruck darauf hin, dass die Anpassung der Lehrerschaft an die neuen politischen Verhältnisse noch bei weitem nicht gelungen sei. Immer noch sei an den Schulen der Typus des „Paukers“ verbreitet, an den sich der Autor aus eigener Erfahrung „mit Grauen“ erinnerte, als er durch „Büffeleien zur Interesselosigkeit förmlich“ gezwungen worden sei. Statt „Pauker“ habe der Lehrer „Führer“ zu sein; „er hat hart zu sein, wo es nottut, vor allem aber und zuerst gegen sich selbst; er hat vorzuleben“. Nur in die „Kameradschaft des Volkes hineingestellt“ könne der Lehrer im „Interesse der deutschen Revolution“ agieren. Und diese werde „ihre Aufgabe nicht mehr darin sehen, unnötigen Wissenswust in die Köpfe zu quetschen, den das Gehirn für kurze Zeit hält, um ihn nachher als Fremdkörper wieder auszuscheiden, sondern lebendig zu lehren. Ihr Prinzip wird nicht lauten: Wissen ist Macht, sondern Charakter und Haltung! Der Mensch, den die nationalsozialistische Schule heranzieht, wird keine hornbebrillte, allweise Memme sein, sondern ein Kerl, der das Leben anpackt, wie es sich ihm entgegenstellt“.

Artikel eines anonymen Autors über das „verkalkte Paukersystem“, in: „Führer“ vom 23. Juni 1934 | Klicken zum Vergrößern

Kultusminister Wacker reagierte auf den Artikel dünnhäutig und fertigte für den „Führer“, für den er selbst noch anderthalb Jahre zuvor als Hauptschriftleiter gearbeitet hatte, persönlich eine Gegendarstellung an. In ihr warf Wacker dem anonymen Verfasser des Artikels vor, den Lehrerstand „in unverantwortlicher Weise herab[zu]setzen und das so dringend benötigte Vertrauensverhältnis zwischen Schule und Elternhaus auf das schwerste“ zu erschüttern. Sicherlich solle die Schule „im Sinne nationalsozialistischer Weltauffassung revolutioniert werden, aber auf dem genialen Wege, in welchem Adolf Hitler die nationale Revolution zum Segen des deutschen Volkes bisher zielbewusst und massvoll geführt hat“. In einem Fazit der eigenen bisherigen Personalpolitik betonte Wacker, „dass ein großer Teil der Lehrer den Geist des neuen Deutschland bereits erfasst hat oder sich zum mindesten redlich bemüht, am Neuaufbau im nationalsozialistischen Geiste mitzuarbeiten“. Viele Lehrer gehörten der NSDAP bereits an, viele täten in der SA oder SS Dienst, und „fast restlos“ seien sie im „nationalsozialistischen Lehrerbund erfasst“. Klar sei aber auch, „dass die nationalsozialistische Weltauffassung in eineinhalb Jahren noch nicht eine völlige geistige Erneuerung bei allen Lehrern herbeigeführt“ habe. Auch die Polemik des Artikels gegen die in den Schulen fortdauernde Geistesbildung wies Wacker zurück: „Der Verfasser des Artikels darf versichert sein, dass in der nationalsozialistischen Schule neben der in die erste Linie gerückten nationalen, charakterlichen und körperlichen Erziehung auch die geisteswissenschaftliche ihren Platz behalten muss. Erstklassige geisteswissenschaftliche Leistungen sind für das deutsche Volk in seinem schweren Kampf um die Erhaltung von Volk und Wirtschaft von grösserer Bedeutung denn je. Die deutsche Schule der Zukunft wird eine ernste Arbeitsstätte nationalsozialistischen Aufbauwillens sein“.

Seiner Machtstellung als Minister und seiner Verdienste um den Aufbau des Parteiblattes zum Trotz kam Wackers Gegendarstellung im „Führer“ nicht zum Abdruck – möglicherweise infolge eines persönlichen Zerwürfnisses mit seinem Nachfolger als Hauptschriftleiter Karl Neuscheler, für das sich indes in den Quellen sonst keine Belege finden lassen. Jedenfalls war der Ministerialdirektor des Kultusministeriums, Paul Frank, von dessen Büro es ein Fußweg von nur fünf Minuten zur Redaktion des „Führers“ in der Karlsruher Kaiserstraße war, mehrmals bei Neuscheler vorstellig gewesen, konnte von ihm aber nicht mehr erlangen als die dürre schriftliche Stellungnahme, dass es der Redaktion nicht möglich sei, das „Schriftstück, das eine Art Erwiderung auf einen im ‚Führer‘ erschienenen Artikel ‚Wir revolutionieren die Schule‘ darstellt“, „auch nur teilweise“ zu veröffentlichen.

Entgegnung Wackers auf den im Führer erschienenen Artikel (GLA 233 Nr. 27969) | Klicken zum Vergrößern

Auf eine persönliche Aussprache, die ihm Neuscheler angeboten hatte, ging Wacker nicht ein, sondern trug den Vorfall stattdessen vor das Staatsministerium. Er beantragte zum einen, „auf den ‚Führer‘ in der dort geeignet erscheinenden Weise einzuwirken, dass er in Zukunft Artikel der von mir beanstandeten Art über die Lehrerschaft nicht mehr bringt, weil das Ansehen der Lehrer bei den Schülern hierdurch aufs schwerste erschüttert wird“, und zum anderen, „durch die Pressestelle der Staatsregierung anliegende kurze, allgemein gehaltene Notiz im Staatsanzeiger bekannt zu geben“ – Wacker kritisierte dort nicht den „Führer“ direkt, sondern eine ungewisse „Reihe von Veröffentlichungen“, in denen der „gesamte Lehrerstand, insbesondere aber die Lehrer an Höheren Lehranstalten, im Ansehen der Öffentlichkeit herabgesetzt“ worden seien. Mit beiden Anträgen blieb ihm nur ein Teilerfolg beschieden: Der „Pforzheimer Anzeiger“ übte offenkundig Solidarität mit dem „Führer“ und musste ein zweites Mal aufgefordert werden, Wackers Notiz in seinem amtlichen Teil zu veröffentlichen, und eine direkte Einflussnahme des Staatsministeriums auf die Redaktion des „Führers“ unterblieb, nachdem eine kurze Rücksprache mit Neuscheler und Verlagsleiter Emil Munz ergeben hatte, dass beide bereits von Reichsstatthalter und Gauleiter Robert Wagner zu einer schriftlichen Stellungnahme in dieser Sache aufgefordert worden waren. Damit wurden die Weichen gestellt für eine parteiinterne Klärung, über die – wegen fehlender Quellen – hier nichts mitgeteilt werden kann.

Quelle: GLA 233 Nr. 27969

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