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„Organisationsgeschichte erzählt sich nicht aus sich selbst“ – Interview mit Dr. Stefanie Middendorf, Teil 1

bild_middendorf_vortragDr. Stefanie Middendorf, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und in dem Forschungsprojekt „Geschichte des Reichsministeriums der Finanzen in der Zeit des Nationalsozialismus“, stellte im Rahmen des Workshops „Bausteine einer Verwaltungsgeschichte des Nationalsozialismus im Reich und in den Ländern“ am 16. April 2015 in Heidelberg ihr Teilprojekt über die Institutionsgeschichte des Reichsfinanzministerium in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus vor.
Mit Projektmitarbeiterin Sina Speit sprach Dr. Stefanie Middendorf über ihren organisationsgeschichtlichen Ansatz und das öffentliche sowie ministeriale Interesse an der Erforschung von Ministerien und Behörden und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.

Sina Speit: Sie erforschen das Reichsfinanzministerium in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Mit welchen Fragen gehen Sie an die Erforschung dieser Institution heran und warum haben Sie diesen Zeitraum gewählt?

Dr. Stefanie Middendorf: Im Rahmen unseres größeren Forschungsprojektes zum Reichsministerium der Finanzen schreibe ich die organisationsgeschichtliche Studie, das heißt zentrale Fragen sind, wie das Ministerium selbst funktioniert hat und wie seine inneren Strukturen – dazu zählen auch Arbeitsweisen und die Erfahrungen des Personals – zu politischen Entscheidungen beigetragen haben. Der spezifische Fokus ist also, welche Rolle dieser Ort „Ministerium“ für die Geschichte der Finanzpolitik spielt. Mich interessiert dabei insbesondere der Zusammenhang zwischen Finanzpolitik – vor allem Haushaltspolitik – und Staatlichkeit, also welche Vorstellungen von „Staat“ in den Entscheidungen innerhalb des Ministeriums oder in der Selbstbeschreibung der Beamtenschaft eine Rolle gespielt und wie sich diese verändert haben. Daraus erklärt sich auch die Überschreitung der Zäsur von 1933, also die Verbindung der Geschichte des Ministeriums in der Weimarer Republik mit jener der Zeit des Nationalsozialismus. Das Reichsfinanzministerium hat schon bei seiner Gründung 1919 eine besondere Rolle dafür gespielt, wie Verfassungsstaatlichkeit und Zentralstaatlichkeit politisch begriffen wurden. Dieser Zusammenhang hat die Position dieses Ministerium stark beeinflusst und besaß eine Dynamik, die nicht erst 1933 begann.
Um zu verstehen, wie dieses Ministerium sich im Nationalsozialismus verhält, ist es daher wichtig, diese früheren Erfahrungen mit einzubeziehen. Damit beschreibt man auch den Anteil des Ministeriums am staatlichen Wandel nicht nur als eine Reaktion auf den Machtantritt Hitlers, sondern als aktives Moment.

Sina Speit: Ist dieser Ansatz, das Ministerium als aktiven Akteur mit eigenen Erfahrungen zu beschreiben, spezifisch auf das Reichsfinanzministerium anwendbar? Oder sehen Sie auch Perspektiven, dies genauso auf andere Behörden zu beziehen?

Das Reichsfinanzministerium am Berliner Wilhelmplatz (ca. 1930-1936)

Das Reichsfinanzministerium am Berliner Wilhelmplatz (ca. 1930-1936)

Dr. Stefanie Middendorf: Unbedingt, damit könnte man die verschiedenen Forschungsprojekte zu den verschiedenen Ministerien auch verbinden. In der Frage, was Organisationen oder Institutionen eigentlich sind, diese Begrifflichkeit zu klären, sind andere Wissenschaftsdisziplinen sehr viel weiter. Ich beziehe mich vor allem auf die Organisationssoziologie von Niklas Luhmann und auf Ansätze einer Kulturgeschichte der Verwaltung. Das sind Theorien, die man auf verschiedene Administrationen und auch vergleichend anwenden könnte – man könnte fragen, wie weit komme ich mit diesem Ansatz beim Reichsfinanzministerium und wie weit trägt er bei einem Ministerium, das vielleicht anders funktioniert – wie das Reichsarbeitsministerium oder die regionalen Ministerien. Haushaltspolitik ist ja mein Fokus, und das ist ein Politikbereich, der auf eine bestimmte Art und Weise funktioniert, der in seiner Normgebung relativ wenigen Wandlungen unterliegt. In so einem Feld verhält sich eine Behörde natürlich anders, als wenn sie für Wohnungsbau oder das Justizwesen zuständig ist. Die Stabilität der Institution ist beim Reichsfinanzministerium über das Jahr 1933 hinweg sehr ausgeprägt, es wurden die Grundstrukturen nicht verändert, und auch der Kompetenzbereich wurde nicht grundsätzlich aufgebrochen. Somit denke ich viel mehr über die Stabilität einer Organisation in der Dynamik von Staatlichkeit nach als jemand, der oder die sich beispielsweise mit einem Ministerium beschäftigt, das große Teilbereiche abgeben musste. Dort wäre die innere Dynamik der Organisation viel stärker, und man müsste dann vielleicht mit anderen Theorien oder Ansätzen arbeiten, um diese größere innere Dynamik beschreiben zu können. Dafür wäre ein Austausch über Methoden der Institutionen- und Verwaltungsgeschichte sehr sinnvoll.

Sina Speit: Kommen Sie in Ihrer Forschung mit anderen Ministerien in Berührung, zum Beispiel mit Landesministerien?

Das Reichsfinanzministerium in Berlin, 1935

Das Reichsfinanzministerium in Berlin, 1935

Dr. Stefanie Middendorf: Grundsätzlich schreibe ich eine Geschichte des Reichsministeriums, also der Fokus liegt auf dem Zentrum in Berlin. Sicherlich könnte man auch die regionalen und lokalen Strukturen der Finanzverwaltung, also etwa die Oberfinanzpräsidien und Finanzämter, einbeziehen, das ist im Rahmen meines Forschungsprojekts leider nicht machbar. Die Länder sind natürlich insofern wichtig, als das Reichsfinanzministerium im Nationalsozialismus die Kompetenz über die Haushalte der Länder erhielt, also die zentrale Zuständigkeit auf die Länderhaushalte ausgedehnt wurde. Schon in der Weimarer Republik war das ein Grundthema, das Verhältnis des Reichs zu den Länderfinanzen, und die Frage, wie man diese Ansprüche ausgleicht. So schaue mir in meiner Arbeit zum Beispiel einzelne Haushaltsplanungen exemplarisch an, und dort, wo das grundsätzlich oder in bestimmten Konflikten eine Rolle spielt, da tauchen die Landesministerien auch auf. Zum Beispiel bei der Frage der Übernahme von Kompetenzen und der Aushandlung dieser Kompetenzen zwischen den verschiedenen Akteuren auf der regionalen Ebene – Reichsstatthalter, Gauleiter, Länderministerien. Es gab in der Zeit des Nationalsozialismus auch einige grundsätzlichere Debatten darum, wie die Struktur von Haushaltsführung in einer neuen Ordnung des Reiches aussehen sollte, und auch da ist das Reichsfinanzministerium in der Auseinandersetzung mit dem Reichsinnenministerium und den Ländern zu begreifen. Insofern kommt die Beziehung zu Landesministerien vor, ist aber nicht zentraler Gegenstand meiner Forschung.

Sina Speit: Wie halten Sie es im Rahmen Ihrer Institutionsgeschichte mit einzelnen Funktionsträgern? An welchen Stellen ist eine nähere Betrachtung einzelner Personen, im Falle Ihrer Forschung etwa des seit 1932 tätigen Reichsfinanzministers Lutz Graf Schwerin von Krosigk, sinnvoll?

Dr. Stefanie Middendorf

Dr. Stefanie Middendorf

Dr. Stefanie Middendorf: Das ist eine schwierige Frage. Ich hatte mir ursprünglich vorgestellt, eine Art Kollektivbiografie zu integrieren, also systematisch Personen, ihre Herkunft und ihre Rolle zu erfassen. Das scheiterte daran, dass die entsprechende Überlieferung für das Reichsfinanzministerium nicht existiert. Die Personalakten sind nicht im zentralen Bestand vorhanden, somit müsste man die Biografien einzelner Personen recht aufwändig über dezentrale Überlieferungen recherchieren – zum Beispiel über Entnazifizierungsverfahren und über andere Verwaltungen, in denen sie später tätig waren. Dabei bleibt dann zudem unsicher, was so ein Ansatz analytisch erbringen kann. Die andere Option wäre gewesen, eine Art Doppelbiografie der Spitze des Ministeriums zu erzählen – das erschien dann aber ebenfalls nicht unproblematisch. Der Staatssekretär Reinhardt und der Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk haben schon in den apologetischen Narrativen nach dem Krieg so eine Art Rollenverteilung des Guten und des Bösen eingenommen – also hier der unpolitische Fachmann Schwerin von Krosigk und dort der Parteimann Reinhardt. Dieses Narrativ wollte ich nicht übernehmen. Ich werde auf die Akteure dort eingehen, wo ich den Eindruck habe, dass deren persönliches Profil oder deren Netzwerke eine besondere Rolle spielen und erfassbar sind. Ein Beispiel ist der spätere Chef des Generalbüros, früher Leiter des Anleihereferats Walther Bayrhoffer – ein sehr gut vernetzter Mann, der auch im Reichsbankdirektorium vertreten war. An solchen Beispielen schaue ich mir an, welche Rolle diese Netzwerke in bestimmten politischen Momenten oder Entscheidungen spielten. In solchen Fällen würde ich diesen Akteur also plastischer mache, aber grundsätzlich ist das bei mir kein Narrativ geworden.

Sina Speit: Ist Ihr Fokus des gesamten Ministeriums als Akteur auch dadurch bedingt, dass es sich um ein Reichsministerium mit einer entsprechenden Größe handelt? Können Sie sich vorstellen, dass es – abgesehen von der Quellenlage, die eine Betrachtung von Biografien nicht hergibt – in anderen Zusammenhängen noch wichtiger ist, einzelne Personen hervorzuheben?

Dr. Stefanie Middendorf: Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, dass es viel Sinn macht, auf Akteure stärker einzugehen, als ich es jetzt mache. Ich finde es jedoch schwierig, dass Verwaltungs- oder genereller Organisationsgeschichten nicht selten sehr personalisiert geschrieben werden, etwa im Falle von Ministerien dann als „Ära“ des einen und dann des nächsten Ministers. Das kann sicherlich eine mögliche analytische Lösung sein, ich finde es aber nicht unproblematisch, wenn dies eine Einheit der Behörde suggeriert, etwa in dem Sinne, dass unter einem Minister auch ein einheitlicher Handlungsstil und spezifische Muster im Habitus der Beamtenschaft herrschen. Das grundlegende Problem ist: Organisationsgeschichte erzählt sich ja nicht so richtig aus sich selbst – man kann die Strukturen beschreiben, man kann darstellen, wie sie funktionieren, aber man hat dadurch noch nicht unbedingt ein Narrativ. Das Problem ist dann, wenn die starke Personalisierung dieses Narrativ ersetzt oder selbst zum Narrativ wird. Aber wenn man gutes Material hat und vielleicht so etwas wie innere Konfliktlagen beschreiben kann, die sich verschieben, sich in der Zeit verändern oder die dazu beitragen, dass in einem wichtigen Politikbereich bestimmte Entscheidungen getroffen werden, oder wenn es personelle Netzwerke gibt, die über das Ministerium hinausreichen, dann finde ich das schon sehr spannend. Das träfe dann sowohl auf die Reichs- als auch auf die Landesebene zu, dafür braucht man aber das entsprechende Material, das vermutlich außerhalb der ministeriellen Überlieferung aufzusuchen ist.

 

Zum zweiten Teil des Interviews.

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