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Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Titelblatt der 20-seitigen Gedenkschrift von 1965, HStA Stuttgart Q1/11 Bü 153

Das baden-württembergische Justizministerium veröffentlichte im Jahre 1965 eine Dokumentation über das „Schicksal der jüdischen Juristen in Württemberg und Hohenzollern“. Anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus stellen wir diese Gedenkschrift und drei ausgewählte Biografien vor.

Als Sonderbeilage des Amtsblatts des Justizministeriums Baden-Württemberg richtete sich diese Dokumentation an die in der Landesverwaltung Beschäftigten. Die Landesministerialbürokratie hatte seit 1933 den Vollzug der reichsweiten Gesetzgebung zur Verdrängung jüdischer und politisch missliebiger Beamter aus dem Staatsdienst selbst durchgeführt. So bleibt es nicht ohne Brisanz, wenn der von 1953 bis 1966 amtierende Justizminister Baden-Württembergs, Dr. Wolfgang Haußmann, in seinem Vorwort betont: „Die Anonymität von Statistiken, die die unvorstellbaren Verbrechen des Nationalsozialismus beweisen, bringt die Gefahr mit sich, den einzelnen Menschen in Vergessenheit geraten zu lassen, der damals in Not und Tod gestoßen wurde. Wenn aber, wie in der vorliegenden Dokumentation, das persönliche Schicksal unserer jüdischen Kollegen geschildert wird, mit denen wir im täglichen Leben zusammentrafen oder denen wir jederzeit hätten begegnen können, dann kommt uns das grausame Unrecht bestürzend zum Bewußtsein“. Haußmann hatte sich gegen politische Widerstände für die Einrichtung der „Zentralen Stelle der deutschen Justizbehörden zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ im Jahre 1958 in Ludwigsburg und für die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts eingesetzt. Auch der Autor Hugo Marx, Landgerichtspräsident a.D., verweist einleitend auf die besondere Bedeutung dieser Gedenkschrift für die Angehörigen des Ministeriums: „Viele der nachstehend Aufgeführten sind den Älteren unter uns noch in lebendiger Erinnerung.“ Marx war selbst jüdischer Herkunft und bis 1933 Staatsanwalt und Richter im Land Baden. Schon im März 1933 flüchtete er, als hochrangiger Amtsträger und Opponent der Nationalsozialisten von einer Inhaftierung bedroht, ins Ausland.

Die Dokumentation umfasst die Biografien von 113 jüdischen Juristen, die meisten von ihnen waren Rechtsanwälte, die 1933 den Justizverwaltungen von Württemberg und Hohenzollern angehörten. Sie alle wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, 21 von ihnen wurden ermordet.

Unter den Ermordeten ist der ehemalige Hilfsrichter am Landgericht Stuttgart, Dr. Robert Bloch, geboren 1888. Er wurde im August 1933 auf Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ohne Ruhegehalt entlassen. Die Verfolgungspraxis der rassistischen Gesetzgebung schränkte seine geringen Bezüge zur Existenzsicherung sowie seine weitere berufliche Tätigkeit als Devisenberater (bis 1936) und als Berater für jüdische Auswanderer (bis 1941) immer mehr ein. Am 13. Juli 1942 wurde Robert Bloch zusammen mit 48 weiteren Menschen nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Die Dokumentation hält fest: „Robert Bloch war ein freundlicher Mensch und gewissenhafter Jurist, der auch schriftstellerisch sich betätigt hat. In seiner Waiblinger Zeit verfaßte er eine Schrift zu dem damals aktuellen Problem der Aufwertung. Zusammen mit Eugen Boxler gab er 1928 das Buch „Wirtschaftspolizei, Sammlung von Reichsgesetzen und Verordnungen wirtschaftsstrafrechtlichen Inhalts“ heraus.“

Der Beamte der Justizverwaltung Julius Mayer (1892-1954) fiel als ehemaliger Soldat des Ersten Weltkriegs vorerst noch unter die Ausnahmeregelungen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Er wurde jedoch zum 1. Januar 1936 vorzeitig in den Ruhestand versetzt und arbeitete seitdem als Spritzlackierer. Er überlebte die Internierungen in den Konzentrationslagern Dachau und Theresienstadt. Nach Kriegsende war Julius Mayer wieder im Justizministerium beschäftigt, zuletzt als Regierungsrat.

Als jüngstes Todesopfer unter den württembergischen Juristen erinnert die Dokumentation an den 1910 geborenen Rechtsreferendar Manfred Laupheimer. Er wurde im Juni 1933 aus dem Vorbereitungsdienst beim Amtsgericht Stuttgart I entlassen und emigrierte 1934 in die Niederlande. Bis zu seiner Internierung im Lager Westerbork im Jahre 1943 arbeitete er als Gärtner. Manfred Laupheimer war einer von über 730 Jüdinnen und Juden, die am 3. März 1944 von Westerbork nach Auschwitz deportiert wurden. Dort wurde er ermordet.

 

Marx, Hugo: Das Schicksal der jüdischen Juristen in Württemberg und Hohenzollern 1933-1945, Sonderdruck aus „Die Justiz“, Amtsblatt des Justizministeriums Baden-Württemberg, Heft 6/7/8, 1965 (HStAS Q1/11 Bü 153).

 

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