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Materialsammlung für ein Heldenepos? Ein Bericht über den Tod des Ministerialdirektors Karl Gärtner beim Rückzug der deutschen Besatzer aus Straßburg im November 1944

Als Mitte November 1944 französische und amerikanische Truppen auf Straßburg vorrückten, wurde die Lage dort auch für die Angestellten und Beamten der badischen Ministerien prekär, die den Grundstock der Besatzungsadministration des Chefs der Zivilverwaltung im Elsass bildeten. Besonders betroffen waren die Angehörigen des Kultusministeriums, die anders als ihre Kolleginnen und Kollegen aus dem Innen- und dem Finanz- und Wirtschaftsministerium komplett von Karlsruhe nach Straßburg übergesiedelt waren und sich nicht einfach vorübergehend auf badischen Boden zurückziehen konnten, da ihre Karlsruher Ministerialgebäude unterdessen zur Nutzung durch städtische Behörden aufgegeben worden waren. In eklatanter Fehleinschätzung der militärischen Lage ergingen die Evakuierungsanordnungen des Chefs der Zivilverwaltung, des Gauleiters Robert Wagner, erst am Vortag des feindlichen Einmarsches in die Stadt. Am Abend des 22. November verfügte Wagner den Rückzug der Familienangehörigen der Beamten und Angestellten der Dienststellen von Partei und Staat, und erst am Vormittag des 23. November, als der Gefechtslärm vor der Stadt nicht mehr zu überhören war, erging die Anweisung an die Beamten und Angestellten selbst, den vorrückenden Truppen keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst sofort nach Kehl oder nach Süden in Richtung Schlettstadt zu begeben.

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Karl Gärtner | Klicken zum Vergrößern

Die Übermittlung dieser Anordnungen Wagners gelang offenkundig nur sehr unzureichend. Glaubt man den rückschauenden Aussagen des badischen Kultusministers Paul Schmitthenner in seinen Lebenserinnerungen, so hat er die Evakuierung der Familienangehörigen der Beamten und Angestellten seines Ministeriums am 22. November auf eigene Faust in die Wege geleitet: Beim  Rückzug nach Kehl sollten die Mitarbeiter ihren Frauen und Kindern behilflich sein und auch selbst dort bleiben, um die weitere Entwicklung abzuwarten. Nur in dem Fall, dass Straßburg am 23. November nicht von den Franzosen und Amerikanern besetzt würde, sollten sie an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Im Straßburger Ministerialgebäude am Münster habe er, so Schmitthenner, lediglich eine Notbesetzung mit fünf höheren Beamten zurückgelassen. Dass nicht alle dieser fünf – und eine nicht genannte Zahl rangniederer Beamter und Angestellter – es dann am 23. November schafften, die Stadt rechtzeitig zu verlassen und in französische Gefangenschaft gerieten, erklärte Schmitthenner mit der späten Räumungsanordnung Wagners und mit einem „Verrat“ des Fahrers des Kultusministeriums. Dieser habe sich mit dem Dienstwagen, in dem die Verbliebenen hätten nach Kehl gebracht werden sollen, eigenmächtig abgesetzt. Schmitthenner selbst konnte am 23. November mit seiner Frau im eigenen PKW rechtzeitig aus Straßburg fliehen.

Keinen direkten Kontakt hatte Schmitthenner an diesem Tag zu seinem Ministerialdirektor Karl Gärtner, der erst im Straßburger Ministerialgebäude erschien, nachdem Schmitthenner die Stadt bereits verlassen hatte. Die Flucht aus Straßburg gelang Gärtner nicht; er wurde am 23. November bei einem Feuergefecht in der Stadt schwer verletzt und starb drei Tage später in der Medizinischen Klinik der Reichsuniversität. Um die genaueren Umstände seines Todes in Erfahrung zu bringen, ließ Reichsstatthalter und Gauleiter Wagner Anfang Februar 1945 Ermittlungen anstellen, mit denen er den Ministerialrat im Kultusministerium Herbert Kraft beauftragte. Kraft, der 1939 bei der Besetzung der Ministerialdirektorenstelle mit Gärtner konkurriert hatte, konnte tatsächlich rasch einen Bericht mit näheren Informationen präsentieren, da einem Augenzeugen der Ereignisse in Straßburg am 23. November unterdessen die Flucht aus französischer Internierungshaft gelungen war. Bei diesem Augenzeugen handelte es sich um den Architekten und Professor am Staatstechnikum Karlsruhe Erich Schelling, der seit 1942 umfangreiche Planungs- und Bauaufgaben im Elsass übernommen und in Straßburg ein Architekturbüro aufgebaut hatte. Dort schloss Schelling eine Bekanntschaft mit Gärtner, die offenkundig über die beruflichen Kontakte weit hinausging. Denn anders ist wohl kaum zu erklären, dass er, selbst im Begriffe, sich aus der Stadt in Sicherheit zu bringen, Gärtner am Morgen des 23. November noch in dessen Straßburger Wohnung aufsuchte. Er habe Gärtner dort, allein mit seiner Hausgehilfin, zwischen 10.00 und 10.30 Uhr in Parteiuniform angetroffen, „empört und wütend“, da er vergeblich auf einen Einsatzbefehl wartete. Schelling berichtete, er habe den Ministerialdirektor aufgefordert, sich ihm bei seiner Fahrt „über den Rhein“ anzuschließen; Schelling verfügte über einen „kleinen Fiat, der dem Druckereibesitzer Karl Fritz gehörte“.

Gärtner stand indes der Sinn nicht nach Flucht; stattdessen bat er Schelling, die Lage im Kultusministerium und im „Gauhaus“ zu sondieren, während er selbst in der Wohnung blieb, um weiter einen Einsatzbefehl abzuwarten. Bei der Gauleitung traf Schelling neben einem einzelnen Uniformträger und einigen Zivilisten niemanden mehr an, und auch das Ministerium war bis auf einige elsässische Angestellte und zwei Geistliche verlassen, die sich um den mit einer Schusswunde schwer verletzten oder vielleicht schon toten SS-Oberführer Rudolf Lohse kümmerten. Gegen 12.00 Uhr kehrte Schelling, der „auf allen Hauptstraßen der Stadt, die ich durchfahren mußte“, eine inzwischen „viel größere Zahl von Panzern sah“, und selbst „MG-Feuer“ erhielt, in Gärtners Wohnung zurück. Dieser erklärte ihm, „daß er allein in Strassburg bleibe, da ja doch niemand mehr dort anzutreffen sei. Er war in einer solchen Gemütsverfassung,  daß er vor Wut heulte“. Gärtner bat Schelling, eine deutsche Familie, die sich in der Zwischenzeit schutzsuchend in der Wohnung eingefunden hatte, „über den Rhein in Sicherheit“ zu bringen und dann zu ihm zurückzukehren. Schelling aber erklärte ihm, „daß ich ihn als sein Freund nicht allein zurückließe. Die Familie, die Verständnis dafür hatte, machte sich nun zu Fuß auf den Weg“. Gärtner wollte jetzt selbst die Situation im Kultusministerium in Augenschein nehmen, so dass Schelling gegen 13.00 Uhr ein weiteres Mal dorthin fuhr: „Wir sahen den leblosen Lohse noch am gleichen Orte liegen, und nach einer kurzen Auseinandersetzung mit den beiden Geistlichen nahmen wir den Oberführer in unseren Wagen und fuhren wiederum über das Gauhaus nach der Wohnung Gärtners, um dort erst einmal eindeutig festzustellen, ob Lohse noch lebte oder nicht. Es gelang uns aber nicht, einen Arzt aus dem Betsedakrankenhaus zu erreichen“.

Erst jetzt konnte Schelling Gärtner zu dem Versuch bewegen, Straßburg zu verlassen, was inzwischen hieß, „den Weg über den Rhein zu erkämpfen“. Beide nahmen, den toten SS-Oberführer mit im Wagen, den Weg über die Vogesenstraße, gerieten unter Panzerbeschuss, blieben aber „unverletzt bis zum Kehler-Tor. Dort stand kurz vor der kleinen Rheinbrücke ein Panzer, der uns aus ungefähr 10 Meter Entfernung unter Feuer nahm. Ich mußte dicht vor diesem Panzer halten, da die Windschutzscheibe zerschossen und undurchsichtig geworden war. Einer dieser Schüsse hatte Gärtner in der Bauchhöhle getroffen, er war aber noch fähig, aus dem Wagen zu springen und an der rechten Straßenböschung Deckung zu suchen“. Schelling selbst fand auf der gegenüberliegenden Seite Deckung und konnte, da „die Schießerei neu hinzugekommener Panzer und deutscher Soldaten aus der Kehlertorkaserne immer heftiger wurde“, nicht mehr zu Gärtner gelangen und sich mit ihm nur noch durch Zurufe verständigen. „Ich mußte in den nächstgelegenen Häusern Deckung nehmen und konnte von dort aus nur noch ungefähr eine Stunde lang G. beobachten. Er schoß noch aus seiner MPi, bis ich ihn wegen der Dunkelheit nicht mehr sehen konnte. Bei Einbruch der Dunkelheit habe ich mich entschlossen, Gärtner aufzusuchen, um ihm zu helfen; ich konnte aber trotz allen Suchens Gärtner nicht mehr auffinden. Im Lager hörte ich dann, daß Gärtner tot sei“.

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Das Parteiblatt „Der Führer“ titelte am 24. November: „Bewegungskämpfe im Südteil der Westfront“ | Klicken zum Vergrößern

Zu welchem Zweck der ausführliche Bericht Schellings, von Kraft unter Zeugen protokolliert, erstellt wurde, ergibt sich aus den überlieferten Quellen nicht. Dass der Reichsstatthalter, Gauleiter und inzwischen nur noch nominelle Chef der Zivilverwaltung im Elsass Wagner daran interessiert war, Informationen über das Schicksal eines der profiliertesten Parteimänner in der Ministerialbürokratie zusammenzutragen, ist naheliegend; ob diese Informationen aber nur zu internen Zwecken oder auch zum propagandistischen Einsatz genutzt werden sollten, muss offen bleiben. Schellings Bericht, wie glaubwürdig er in seinen Details auch immer gewesen sein mag, hätte für Letzteres jedenfalls reiches Material geboten, umfasste er doch zahlreiche Versatzstücke, derer sich die nationalsozialistische Martyrologie seit ihren Anfängen in der Mitte der 1920er Jahre bediente: den unbedingten Willen des Parteimannes, auf dem ihm zugewiesenen Posten ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen bis zum Ende auszuharren; die heiligem Zorn gleichende Weigerung, sich widrigen Verhältnissen zu beugen; die Rücksichtnahme auf die zivilen Volksgenossen und die Treue zum toten Kameraden, dessen Leichnam den Feinden nicht in die Hände fallen durfte; schließlich die Bereitschaft und Fähigkeit zum Kampf bis zur buchstäblich letzten Patrone. Diese Versatzstücke zusammenzustellen und zu einem Epos auszuschmücken, fand sich in den letzten Kriegs- und Untergangswochen verständlicherweise keine Gelegenheit mehr, so dass die Nationalsozialisten den „Heldentod“ Gärtners in Straßburg unbesungen ließen.

In der Folgezeit wurde der Tod Gärtners dann für ganz andere Zwecke instrumentalisiert, nämlich zur Schuldabwälzung in den Spruchkammerverfahren: Zahlreiche Beamte des Kultusministeriums stellten den verstorbenen Ministerialdirektor als ebenso autoritären wie fanatischen Parteimann dar, der für die Nazifizierung des Ministeriums die Allein- oder wenigstens die Hauptverantwortung getragen habe. Dies jedoch ist ein eigenes Thema, das an anderer Stelle zu behandeln sein wird. Ein eigenes Thema ist auch die französisch-elsässische Überlieferung von Gärtners Tod in Straßburg. Hierzu wird demnächst ein Blogartikel erscheinen.

Quelle: GLA 235/34779

Bilder zur Befreiung Straßburgs am 23. November 1944 finden Sie hier.

 

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