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Die badischen Nationalsozialisten ehren ihren verstorbenen Minister

Von einem Anfang 1939 in Berlin erlittenen schweren Herzinfarkt hat sich der badische Minister für Kultus und Unterricht trotz eines mehrwöchigen Aufenthaltes im Sanatorium auf der Bühlerhöhe im Juni und Juli 1939 nie wieder richtig erholt. Am 14. Februar 1940 starb Otto Wacker im Alter von 40 Jahren in seiner Heimatstadt Offenburg an Herzversagen. Er hinterließ eine Frau, Mercedes Frida Carlota Wacker geborene Heinrich, die er am 11. Juli 1931 in der Evangelischen Stadtkirche (!) von Karlsruhe geheiratet hatte, und drei Kinder, die Söhne Harald und Dieter sowie die Tochter Isolde.

Wackers Totenmaske als Vorlage für Bronzeporträts

Totenmaske_Wacker

Otto Wackers Totenmaske | Klicken zum Vergrößern

Der Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Karlsruhe Otto Schließler, der als Freund der Familie galt, hielt das Antlitz des Verstorbenen in einer Totenmaske fest. Diese diente ihm ein Jahr später als Vorbild für ein Tonmodell, nach welchem er im Auftrag des Reichsstatthalters und Gauleiters Robert Wagner eine Bronzebüste goss. Schließlich schuf er noch eine aus Kirchheimer Muschelkalk gehauene Steinbüste, die für das Kultusministerium vorgesehen war. Wackers Büste war nicht Schließlers erster Staatsauftrag; bereits 1936 hatte er für Wagners Karlsruher Dienstsitz eine Hitlerbüste hergestellt.

Nicht nur in plastischer Form, sondern auch auf Leinwand wurde Otto Wacker verewigt. Der Karlsruher Porträtmaler Oskar Hagemann malte den uniformierten Wacker nach einem Foto. Das Ölgemälde befindet sich heute im Bestand der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Im Rahmen der 1981 im Badischen Kunstverein gezeigten Ausstellung „Kunst in Karlsruhe 1900-1950“ wurde es ausgestellt; im Begleitkatalog zur Ausstellung findet sich eine Reproduktion.

Die Übergabe von Schließlers Kunstwerken erfolgte 1941. Am ersten Jahrestag von Wackers Tod begab sich die Karlsruher und Offenburger NS-Prominenz zur Kranzniederlegung auf den Offenburger Friedhof. Im Rahmen der anschließenden Gedenkstunde im Sitzungssaal des Rathauses überreichte Wackers Amtsnachfolger, Staatsminister Paul Schmitthenner, in Gegenwart von Mercedes Wacker der Stadt Offenburg die Totenmaske und eine der insgesamt drei von Otto Schließler geschaffenen Bronzebüsten; die zweite Büste erhielt Wackers Witwe. Die Totenmaske gelangte später wohl in den Besitz der Familie.

Die Gedenkrede bei dieser Feierstunde hielt Oberbürgermeister Wolfram Rombach. Bei den offiziellen Anlässen im Jahr zuvor hatte er nicht sprechen dürfen, weder am 16. Februar bei der Trauerfeier im Sitzungssaal des ehemaligen Karlsruher Landtagsgebäudes, die als Staatsakt inszeniert worden war, noch bei der am Tag darauf stattfindenden Beisetzung in Offenburg, die von Partei und SS beherrscht worden war; bei der von der Kreisleitung der NSDAP in Abstimmung und enger Verbindung mit dem Gauleiter durchorganisierten Veranstaltung war nichts dem Zufall überlassen worden, wie der Ablaufplan belegt. Der Gauleiter persönlich hatte dafür gesorgt, dass Oberbürgermeister Rombach außerhalb des Protokolls blieb.

Dafür hatte die Stadt Offenburg spontan die Straße seines Geburtshauses nach Otto Wacker benannt; in Vertretung des Oberbürgermeisters hatte Bürgermeister Robert Fellhauer dem badischen Ministerpräsidenten Walter Köhler unmittelbar nach Wackers Tod den Beschluss des Ratsherrenkollegiums mitgeteilt: „Um den Namen unseres Ehrenbürgers engstens mit der Heimat zu verbinden, wird die Verbindungsstraße von der Rammersweiererstraße zum oberen Rammersweierer-Weg ´Otto Wacker Straße` genannt.“ Auch mehrere Schulen wurden nach ihm benannt, so in Offenburg und in der Nachbargemeinde Weier, die ihn ebenfalls zum Ehrenbürger ernannt hatte, als auch in Wolfach. An seinem Geburtshaus wurde eine Gedenktafel angebracht.

Bestattungsfeier

Ablaufplan der akribisch von der Partei durchgeplanten Bestattungsfeier am 17.2.1940 um 11 Uhr auf dem Offenburger Friedhof | Klicken zum Vergrößern

Der Dichter Hermann Eris Busse widmete Otto Wacker, dem „großen Sohn der Ortenau“, einen Nachruf in der vom Landesverein Badische Heimat herausgegebenen Zeitschrift „Mein Heimatland“, illustriert mit einem Foto der von Otto Schließler gegossenen Bronzebüste.

Der Staatsminister Wacker erhält postum den Gaukulturpreis – ein Beispiel für nationalsozialistische Ehrungs- und Feierkultur

Es war auch der Gauleiter persönlich, der den Verstorbenen in dessen Todesjahr noch ein weiteres Mal ehrte. Am 16. November 1940 verlieh er Wacker im Rahmen der ersten Oberrheinischen Kulturtage in Straßburg und „in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um den kulturellen Wiederaufbau und die wehrgeistige Erziehung der Jugend im Grenzgau Baden“ postum den Kulturpreis des Gaues Baden; seine Witwe nahm die Auszeichnung bei der Feierstunde im Stadttheater entgegen. In der „Südwestdeutschen Radiozeitung“ erschien am 1. Dezember ein doppelseitiger Bildbericht von dieser Veranstaltung; auf dem Titelblatt prangte ein Porträt Wackers. Das NS-Blatt „Der Führer“ schrieb: „Ein tragisches Schicksal ließ diesen Kämpfer für die Einheit des oberrheinischen Raumes die Stunde der Wiedervereinigung des Elsaß mit dem Reich nicht mehr erleben.“ Die „Ortenauer Rundschau“ wiederholte am 23. November Worte aus der Laudatio Robert Wagners. Die schwülstigste Lobhudelei kam wieder einmal von Hermann Eris Busse; er schickte der Witwe seinen Artikel, der in der Sonntagsausgabe des „Führer“ vom 17. November 1940 erschienen war, „mit herzlichen Grüßen!“ zu.

Anlässlich der Oberrheinischen Kulturtage war das Straßburger Stadttheater erstmals seit Kriegsbeginn wieder geöffnet. Der Raum war festlich geschmückt, natürlich nicht nur mit Blumen, sondern auch mit der nationalsozialistischen Fahne – und auf der Bühne stand, neben der Büste Adolf Hitlers, die von Otto Schließler gegossene Büste Otto Wackers. Der Gauleiter und Reichsstatthalter, jetzt auch Chef der Zivilverwaltung des Elsass, betrat die Bühne in Begleitung von Frau Mercedes Wacker. Die badische NS-Prominenz war versammelt, daneben auch der Straßburger Oberstadtkommissar Robert Ernst.

Alle Zeitungen informierten ausführlich über dieses Ereignis. Die „Straßburger Neuesten Nachrichten“ berichteten am 17. November auf der ersten Seite in zwei Artikeln und druckten Fotos von Otto Wacker sowie von Robert Wagner mit Mercedes Wacker. Der Leitartikel lässt erkennen, dass sich die Nationalsozialisten einer gewissen Skepsis auf Seiten der Elsässer Leser offenbar bewusst waren: „Es ist nicht leicht, den Menschen auf dieser Seite des Rheines mit wenigen Zeilen klar zu machen, weshalb die Verleihung dieser hohen Auszeichnung an einen Toten die Badener so tief im Herzen berührte, und wie sehr diese Ehrung Otto Wackers gerade auch das Elsaß angeht. Heimat war für diesen Mann nämlich, solange er lebte, die gewachsene Einheit von hüben und drüben.“

Sodann folgt eine neue Variante zu der Frage, weshalb Wacker seine neue Aufgabe in Berlin aufgab und nach Baden zurückkehrte: Er habe instinktiv gespürt, meint die Zeitung, dass er bald in seiner oberrheinischen Heimat gebraucht werde und dass er in Kürze eine neue Aufgabe bekäme, nämlich die „Planung des kulturellen Wiederaufbaues in einem Oberrheingau, zu dem sich am Ende dieses Krieges das Elsaß und Baden zusammenfinden würden.“

Wortreich versuchen die „Straßburger Neuesten Nachrichten“, die Nähe Wackers zum Elsass zu belegen. In einer seiner Schriften, die er 1935 unter der Überschrift „Das Gesicht der Ortenau“ veröffentlicht hatte, fand man den passenden Satz. Hierin beschrieb Wacker „das Erlebnis der oberrheinischen Strom- und Domlandschaft mit dem Blick auf Straßburg“ aus der Perspektive des Schwarzwaldwanderers: „Wenn der Wanderer dort hinüberschaut, dann kann er nicht mehr reden. Denn dort reden die Steine selber.“ Diese Textpassage galt dem Autor des Artikels, Fritz Kaiser, kommissarischer Hauptschriftleiter der „Straßburger Neuesten Nachrichten“, als Beweis: „Spürt ihr, Elsässer, aus diesen Worten, wie sehr dieser Mann […] gleichen Wesens mit euch ist? Spürt ihr nicht schon an diesen zwei knappen Sätzen auch die Tiefe seiner Liebe zu dem Land, das nun für alle hüben und drüben auch wirklich gemeinsame Heimat geworden ist?“ Ob wirklich alle Elsässer diese Suggestivfragen mit „Ja“ beantworten konnten, darf gewiss bezweifelt werden. Fast mag man meinen, dass der Leitartikler selbst nicht recht an seine Worte glaubte.

Die Sürag 1.12.1940_Foto Wagner mit Frau Wacker

Verleihung des Gaukulturpreises in Straßburg (im Bild: Robert Wagner und Mercedes Wacker), aus: Die SÜRAG | Klicken zum Vergrößern

Wacker war der fünfte Träger des 1936 von Wagner gestifteten Gaukulturpreises. Die Namen der Vorgänger geben Aufschluss über deren Nähe zum nationalsozialistischen System. Den Preis erhielten: 1936 der Baumeister Hermann Alker, „der die Feierstätte Heiliger Berg bei Heidelberg und die Mahnmale für die Gefallenen der Bewegung im Gau Baden geschaffen hat“, 1937 der Dichter Friedrich Roth, der mit seinem Schauspiel „Der Türkenlouis“ dem badischen Markgrafen Ludwig ein Denkmal setzte, 1938 der Heidelberger Professor Ernst Krieck als „Vorkämpfer der nationalsozialistischen Geistes- und Erziehungswissenschaft“ und 1939 der Bruchsaler Maler Sauter, dessen Gemälde vom Ersten Weltkrieg der Partei gefielen.

Aus Anlass der Ehrung erschien in der Presse eine Lebensrückschau, die Wacker – offenbar schon in der diffusen Furcht, sein Leben könnte vorzeitig zu Ende gehen – anlässlich seines 40. Geburtstags am 6. August 1939 in Form einer Rundfunkansprache gehalten hatte. Darin streifte er einige Stationen seiner Laufbahn. Mit besonderem Stolz blickte er darin auf den Aufbau der nationalsozialistischen Presse zurück, auf seine Arbeit für die nationalsozialistische Zeitung „Der Führer“. Auch auf seine Aufgabe in der Reichsregierung ging er in seiner Ansprache relativ ausführlich ein, auf die Gründe für den Rückzug aus Berlin freilich nicht. Er begründete diesen in gewisser Weise mit der Doppelbelastung, an zwei Orten arbeiten zu müssen, die zehn Stunden Bahnfahrt auseinanderliegen würden. Seine Tätigkeiten und Maßnahmen im Reichserziehungsministerium, die er stichwortartig aufzählte, wertete er natürlich als erfolgreich.

Aus Wackers Kriegsaufzeichnungen im „Führer“

Auch anlässlich des zweiten Todestages erinnerte „Der Führer“ an den ehemaligen Staatsminister. Am 14. Februar 1942 veröffentlichte er ein Kapitel aus Otto Wackers Kriegsaufzeichnungen, in denen dieser, der sich als Unterprimaner freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, aus seiner Rekrutenzeit 1917 in Straßburg erzählte. Für den 25. September 1917 hatte er, so liest man in Wackers Erinnerungen, vom Bezirkskommando Offenburg den Stellungsbefehl erhalten. Er wurde dem Fußartillerie-Regiment Nr. 14 zugeteilt und noch am selben Tag gemeinsam mit hunderten anderer Männer per Zug nach Straßburg transportiert. Wacker beschreibt seine Ausbildung an den Waffen, seine Berufung zu einem Kurs für „Offiziers-Aspiranten-Anwärter“ und berichtet von seinem ersten Heimaturlaub in Offenburg, der bereits am 4. November stattfand. Auch erwähnt er die Freude seines Vaters, der gleichfalls Artillerist gewesen war, und nun stolz auf den jungen Soldaten blickte.

Illustriert wurde der Artikel im „Führer“ mit einem privaten Foto, das Wacker als Soldaten im Februar 1918 in Flandern zeigt. Der mitunter merkwürdig klingende Stil und der leicht sarkastische Unterton des Textes spiegelten sich in Passagen wie dieser: „Der Bezirksfeldwebel las laut die Namen herunter und ein bebrillter Schreiber machte bei jedem „Hier“ ein Kreuz. Vorläufig lediglich ein Kreuz mit dem gezückten Bleistift. Mancher von uns würde vielleicht ein hölzernes Kreuz noch erhalten, mancher ein Eisen ins Kreuz und einige vielleicht auch ein Eisernes Kreuz.“

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