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Entnazifizierung der Lehrer am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe

1. Zielsetzung der Projektarbeit und Fragestellung

„Auf den Spuren des Dritten Reiches- Nationalsozialismus in Karlsruhe“ – so heißt der Stadtrundgang des Stadtjugendausschusses e.V. Karlsruhe. Auf den Spuren des Nationalsozialismus waren auch die alliierten Siegermächte, nachdem sie am 8. Mai 1945 offizielle Kriegsgewinner waren und somit die Macht hatten über den weiteren Verlauf Deutschlands zu entscheiden.
Die vier Siegermächte waren auf der Suche nach den Schuldigen an all den Verbrechen, die in Deutschland im Namen des Nationalsozialismus verübt wurden.

Mit genau diesem Prozess beschäftige ich mich in meiner Projektarbeit. Ich befasse mich zum einen mit der Entnazifizierung Deutschlands durch die Alliierten und zum anderen möchte ich näher auf Einzelschicksale eingehen, genauer gesagt auf die Entnazifizierung von Lehrern, die am Bismarck-Gymnasium unterrichteten.

Wichtig ist mir hierbei vor allem, dass es um einzelne Personen geht. Wenn man von der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland spricht, vergisst man oft, dass alles nur möglich war, weil der Großteil der Bevölkerung daran beteiligt war. Und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschwanden nicht plötzlich alle Nationalsozialisten, sondern die Bevölkerung blieb dieselbe.
Deshalb denke ich, dass es wichtig ist auf Einzelfälle zu achten, um sich bewusst zu werden, dass sehr viele Menschen damals beteiligt waren.

Aufgrund dieser großen Masse an Personen, die am Nationalsozialismus beteiligt waren, stellte ich mir die Frage, wie die Alliierten mit ihnen umgingen und wie sich versuchten die Schuld zu sühnen.

Außerdem möchte ich mit meiner Arbeit die Widersprüchlichkeit zwischen offiziellem Auftreten und der persönlichen Einstellung hinweisen, die besonders deutlich wird, wenn man offizielle Dokumente mit der Wahrnehmung anderer vergleicht.

Anmerkung: Das Bismarck-Gymnasium wurde vor seiner Umbenennung nach dem Reichsgründer Otto von Bismarck Gymnasium Karlsruhe oder Großherzogliches Gymnasium genannt. Ich werde mich in meiner Arbeit auf den Namen Bismarck-Gymnasium beschränken, um Verwirrungen zu vermeiden.

2. Ende des Zweiten Weltkrieges

Der Zweite Weltkrieg endete 1945 mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 wurde der Friedensvertrag von den alliierten Großmächten und Deutschland unterzeichnet und der Krieg offiziell beendet.
Die Siegermächte USA, England, Frankreich und die Sowjetunion teilten Deutschland in den Grenzen von 1937 untereinander in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren auf. [1]

Nun mussten die Besatzungsmächte entscheiden, wie sie mit dem zerstörten Deutschland und der schuldig gewordenen Bevölkerung umgehen wollten und wie sie sich die Zukunft für dieses Land vorstellten.

2.1 Potsdamer Konferenz

Zunächst berieten sich die alliierten Siegermächte gemeinsam über die Neuordnung Europas und das künftige Schicksal Deutschlands und es wurden zwischen den Staatsoberhäuptern der Siegermächte verschiedene Treffen und Beratungen veranstaltet. Die wohl bekannteste dieser Konferenzen war die Potsdamer Konferenz 1945.
Im Rahmen dieser trafen sich vom 17.Juli bis zum 2.August 1945 die Staatsoberhäupter der alliierten Siegermächte im Schloss Cecilienhof in Potsdam . Anwesend waren Josef Stalin (UdSSR), Harry Truman (USA) und Winston Churchill (Großbritannien), der Ende Juli von Clement R. Attlee abgelöst wurde und auch Frankreich trat den Potsdamer Beschlüssen am 7. August 1945 bei. [2]

Die Alliierten verfolgten das Ziel, dem deutschen Volk die Möglichkeit zu geben sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage neu aufzubauen.[3]
Um diese Forderungen zu ermöglichen wurde neben der Demokratisierung, Entmilitarisierung, Dekartellisierung und Dezentralisierung auch die Entnazifizierung Deutschlands beschlossen, auf die ich in meiner Arbeit näher eingehen werde.

Im Anschluss an die Potsdamer Konferenz wurden alle Nationalsozialistischen Organisationen aufgelöst und die Gesetze aus der Zeit des NS-Regimes aufgehoben.

3.Entnazifizierung in Deutschland

Die vier verschiedenen Besatzungsmächte setzten sich sehr unterschiedlich mit der Frage der Entnazifizierung auseinander, da sie verschiedene Ansichten und Vorstellungen sowie Möglichkeiten hatten, wie sie mit der Schuld des deutschen Volkes umgehen wollten.
So wollte die Sowjetunion beispielsweise ihren Teil Deutschlands im Sinne des Sozialismus wieder aufbauen und ging dementsprechend anders mit der Entnazifizierung um als die USA, für welche die Entnazifizierung eine unabdingbare Voraussetzung zur demokratischen Neugestaltung Deutschlands war.[4]

Einig waren sich die Alliierten allerdings darin, dass „die Schuldigen und Verantwortlichen für die begangenen Verbrechen zu bestrafen seinen“.[5]  Aus diesem Grund wurden auch viele Internierungslager errichtet, um möglichst schnell, möglichst viele Kriegsverbrecher und NS-Funktionäre zu verhaften. In diesen wurden sehr viele Bürger, die ein höheres Amt in den Organisationen der NSDAP innehatten, automatisch inhaftiert. In der amerikanischen Zone wurden so etwa 117 500 Personen in die Internierungslager eingewiesen, doch es gab ab Ende 1945 viele Entlassungen, sodass sich 1949 nur noch wenige Hundert in Haft befanden.[6]
Auffallend ist außerdem, dass die jeweiligen Besatzungsmächte unterschiedlich mit den Gefangengen umgingen. Währen in den Lagern der Westalliierten die Todesrate gleich der in der Bevölkerung war, starb in den Lagern der Sowjetunion etwa jeder dritte Inhaftierte, also insgesamt ungefähr 43 000, aufgrund von schlechter Lebensmittelversorgung im Lager.[7]

Außerdem wurden viele wichtige Ämter neu besetzt und die neuen Amtsinhaber mussten sich streng an die Anweisungen der Militärregierungen halten. Besonders in der amerikanischen Besatzungszone wurden so viele belastete Personen aus ihren Ämtern entlassen, sodass es oft zum Zusammenbruch vieler Verwaltungen kam, da nicht genügend Unbelastete zu Neubesetzung der Ämter zur Verfügung standen.[8]

Doch obwohl die Alliierten sich zu Beginn über die Entnazifizierung einig gewesen waren und sie zu einem wichtigem Kriegsziel erklärt hatten, gab es bereits kurz danach heftige Differenzen über die Art der Ausführung. Die amerikanische Seite ging am härtesten und gründlichsten mit den Schuldigen um, während die britischen und französischen Militärregierungen ihre Entnazifizierungsprogramme weniger stark ausweiteten.[9]
Deshalb gab es auch erst Anfang 1946 erste Grundsätze zur politischen Säuberung Deutschlands. Am 16.Januar 1946 wurde die Direktive Nr.24 zur „Entfernung von Nationalsozialisten und Personen, die den Bestrebungen der Alliierten feindlich gegenüberstehen, aus Ämtern und verantwortlichen Stellungen“ vom Alliierten Kontrollrat und somit die erste konkreten Maßnahme zur Entnazifizierung verabschiedete. Diese war stark von der amerikanischen Weise der Entnazifizierung inspiriert und enthielt formale Entlassungskriterien.[10]

3.1 Entnazifizierung in der amerikanischen Besatzungszone

Da Karlsruhe zwar Anfang April 1945 von französischen Soldaten besetzt wurde, aber ab Juli 1945 zu der amerikanischen Besatzungszone gehörte[11], werde ich mich in meiner Ausarbeitung auf den Vorgang der Entnazifizierung in dieser Zone beschränken.

Unter dem Druck der amerikanischen Öffentlichkeit verschärften die Besatzer die Bestimmungen zur Entnazifizierung stark, bis es schließlich zur vollständigen Entlassung aller ehemaligen NSDAP-Mitglieder aus dem gesamten Wirtschaftsbereich durch das Militärgesetz Nr.8 vom 26. September 1945 kam, sofern sie nicht als einfache Arbeiter beschäftigt waren. So mussten beispielsweise die Hälfte aller Bankangestellten und viele Mitarbeiter der Reichsbahn sowie der Reichspost ihre Arbeit aufgeben.[12]
Dieser strengen Entnazifizierung hatte der Zusammenbruch vieler Verwaltungen, wie zum Beispiel der Reichspost, zufolge, da kein unbelastetes Ersatzpersonal zur Verfügung stand. [13] Insgesamt waren von den Entlassungen in der amerikanischen Besatzungszone 336 900 Personen betroffen.[14] Diese große Anzahl an Personen, die von der Entnazifizierung betroffen waren zeigt, wie gründlich und intensiv die amerikanische Militärregierung mit der politischen Säuberung umging. Natürlich führte diese starken Entlassungswellen zu Unruhen in der Bevölkerung und die Besatzungsmacht musste ihr Konzept so verändern, dass sie von den Deutschen selbst durchgeführt werden konnte, aber trotzdem gewisse Regeln beibehielt.

Deshalb wurde am 5. März 1946 das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ erlassen und infolge dieses sogenannten Befreiungsgesetzes wurde ein System von Meldebögen und Spruchkammergerichten eingeführt. Ziel war es die Deutschen in fünf Gruppen der Schwere ihrer Schuld zuzuordnen. Diese waren die Gruppe der Hauptschuldigen, Belasteten, Minderbelasteten und Mitläufer sowie die Gruppe der Entlasteten.[15]
Je nach Eingruppierung der Person durch die Spruchkammergerichte hatte sie mit Sühnestrafen zu rechnen, die sich sowohl in Geldstrafen, aber auch in Sonderarbeit, Arbeit in Arbeitslagern und Berufsverbot äußerten.
In etwa 130 Fragen musste jede Person ab 18 Jahren Einblick in ihre politische Vergangenheit und ihren Lebenslauf gewähren. So gab es beispielsweise neben Fragen nach den Personalien auch Fragen, in denen man auf die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen und womöglich Ämter in diesen Organisationen antworten musste.[16]

Für die Auswerte dieser Entnazifizierungsfragebögen gab es in einem Dokument genauste Anweisungen, wie die Antworten zu bewerten waren. So wurde beispielsweise auf das Datum des Eintrittes in die NSDAP geachtet.[17] Daran konnte beurteilt werden, ob die betreffende Person schon vor der Machtübernahme 1933 von den nationalsozialistischen Idealen überzeugt war, oder ob sie erst später als Mitläufer eintrat, da sie sich beispielsweise bessere Karrierechancen erhoffte.
Außerdem sollte sich jeder, der den Fragebogen ausfüllte über die politischen Ämter in den nationalsozialistischen Organisationen äußern.[18] Damit erhofften die Spruchkammergerichte sich schnell über die politische Stellung und mögliche Taten des Ausfüllers informieren zu können.

Trotz diesem genau geplanten System mussten die Spruchkammern bald feststellen, dass sich die Arbeit als sehr schwierig erwies. Nicht nur, dass viele versuchten mit oftmals beschönigenden und entlastenden Zeugnissen, den sogenannten Persilscheinen, ihr Urteil zu mildern und ihre Schuld und Verantwortung abzulegen, sondern auch die riesige zu bearbeitende Masse an Fällen, brachte Schwierigkeiten mit sich. Schon bald ging es nur noch darum die „Masse der Betroffenen möglichst schnell zu rehabilitieren und wieder zurück in ihre alte Positionen zu bringen“.[19] So wurden von 13,41 Millionen mit den Fragebögen registrierten Personen in den Westzonen nur etwa 3,66 Millionen Personen in den Spruchkammern behandelt. Dass von diesen Fällen allein 3,62 Millionen, also ungefähr 99%, in der amerikanischen Zone behandelt wurden, zeigt wieder, dass in dieser Zone am härtesten und stärksten entnazifiziert wurde.[20]
Außerdem wurden durch viele verschiedene Amnestieverordnungen eine große Anzahl an Personen amnestiert und ihr Verfahren wurde eingestellt.
Die zuerst mühsam Entlassenen konnten nun wieder zurück in ihre alten Ämter. So wurden beispielsweise viele Lehrer nach ihrem Spruchkammerverfahren wieder in die gleiche Stelle eingestellt, die sie vor ihrer automatischen Entlassung hatten.

3.2 Entnazifizierung in Karlsruhe

In Karlsruhe wurde eine eigene Spruchkammer eingerichtet, um die Meldebögen der erwachsenen Bürger der Stadt und den umliegenden Gemeinden auszuwerten, sie den Gruppen der Schuld zuzuweisen und ihre Strafen festzusetzen.

Diese Spruchkammer hatte nach den statistischen Unterlagen zum 31. Oktober 1947 zehn Kläger und 22 Vorsitzende, sowie 76 Beisitzer und über hundert weitere Angestellte. [21]
Mit den Meldebögen hatten sich jedoch beinahe 200 000 Personen im Spruchkammergericht registriert und bis Oktober 1947 wurden erst circa 50 000 dieser Meldebögen ausgewertet und nicht einmal 10 000 davon durch einen Spruchkammerentscheid erledigt.[22] Diese Zahlen zeigen wieder, welche Masse an Fällen die Spruchkammern zu bearbeiten hatten und wie unmöglich es trotz der hohen Anzahl an Beschäftigten war, alle registrierten Personen zu behandeln.

3.3 Entnazifizierung von Lehrern

Nahezu alle Lehrer in Deutschland wurden 1945 nach Kriegsende automatisch entlassen, um zu vermeiden, dass ehemalige NS-Funktionäre wichtige Ämter behielten. Die „reeducation“, mithilfe derer die amerikanischen Besatzer die Deutschen zur Demokratie umzuerziehen wollten, sollte nämlich vor allem bei der Jugend beginnen. Deshalb war die „hohe Entnazifizierungsrate unter der Lehrerschaft und die Ausschaltung Belasteter“ eine wichtige Grundlage für den demokratischen Neuanfang.[23]
Daher konnten die Lehrer erst nach einer gründlichen Überprüfung wieder an Schulen unterrichten, oftmals wurden allerdings auch Pensionäre und von den Nationalsozialisten suspendierte Lehrer wieder zur Arbeit gebeten. So war 1947 in der amerikanischen Zone fast jeder zweite Lehrer älter als 60 Jahre alt[24] und Michael Wibel, ein ehemaliger Schüler des Bismarck-Gymnasiums Karlsruhe, erinnert sich beispielsweise wie ein kriegsverletzten Lehrer, dem
„man im Krieg beide Beine und den rechten Arm abgeschossen hatte, […] auf seinen                Holzbeinen mühsam zur Tafel stakste und mit seinem rechtem Armstummel im     Geometrieunterricht das Lineal an die Tafel klemmte und mit der Linken seine Striche zog“.[25]
Diese Erinnerung zeigt, dass auch oft verletzte Lehrer eingestellt wurden, um den Unterricht, der schon aufgrund zerstörter Gebäude und Lehrermangel, bedingt durch den Weltkrieg, oft ausfallen musste, zu ermöglichen.

4. Entnazifizierung einzelner Lehrer am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe

Im folgendem werde ich beispielhaft auf einzelne Lehrer und ihre Geschichte am Bismarck-Gymnasium sowie ihre Entnazifizierung durch die Spruchkammergerichte eingehen.
Auffallend ist hierbei, dass viele der Lehrer selbst die Schule als Schüler besuchten und dann nach dem Studium wieder als Lehrer an die Schule zurückkehrten.

4.1 Albin Heidelberger

Albin Heidelberger wurde am 21.Mai 1903 in Karlsruhe als Sohn eines Bäckermeisters geboren. Nach einem Studium der deutschen und englischen Philologie, Geschichte und Philosophie unterrichtete er zuerst als Lehrer für Geschichte, Deutsch und Englisch an der Goetheschule.
1931 begann Heidelberger als Assessor am Bismarck-Gymnasium, in dem er 1933 fest angestellt wurde.[26]
Heidelberger war bei den Schülern und Kollegen sehr geschätzt und beliebt. Dies wird durch Briefe und Berichte in der Personalakte deutlich.
„Hervorzuheben ist neben der sonstigen pädagogischen Begabung die frische lebendige Art,                in der er den Unterricht führt und das Geschick, mit dem er die Schüler zu fassen weiß […]. Ich möchte diesen jungen Lehrer an der Anstalt nicht missen.“[27]
So wurde Albin Heidelberger beispielsweise 1931 von der Direktion des Bismarck-Gymnasiums eingeschätzt.
Dieses Ansehen und Vertrauen seitens des Direktor Hugo Zimmermann wird auch durch das Dienstzeugnis 1936 deutlich. Zimmermann glaubt „für seine politische Zuverlässigkeit […]einstehen zu können“ und bezeichnet ihn als einen seiner besten jüngeren Lehrer.[28]
Auch die politische Beurteilung der NSDAP im April 1936 ist überzeugt von der politischen Zuverlässigkeit des Lehramtsassessors.[29] Diese Beurteilung lässt erkennen, dass sich Heidelberger in der Partei nicht negativ auffallend verhielt und politisch zuverlässig auftrat.
Allerdings wird sein Antrag zur Ernennung als Professor im badischen Landesdienst mit dem Grund „sein Wille, an den Aufgaben innerhalb der Bewegung tätig und ehrlich mitzuarbeiten [sei] noch nicht genügend erwiesen“[30] aufgeschoben. Außerdem übte Heidelberger ab Dezember 1936 das Amt eines Blockwarts aus. Diese Tätigkeit könnte im Zusammenhang mit der Aufschiebung seiner Beförderung stehen. Möglicherweise nahm Albin Heidelberger das Amt an, um bessere Karrierechancen zu erlangen.
Doch auch im Frühjahr 1938 wurde er noch nicht befördert, sonder in einem Schreiben des Ministeriums für Kultus und Unterricht dazu aufgefordert sich darüber zu äußern, „warum er bisher nicht geheiratet hat und wann er zu heiraten gedenkt“. Außerdem wurde er auf die„Bedeutung der Ehe sowie des Kinderreichtums für den Bestand und das Schicksal des deutschen Volkes besonders aufmerksam“ gemacht.[31] Dieses Schreiben zeigt nicht nur, wie wichtig es dem NS-Regime war kinderreiche Familien zu haben, sondern auch, wie stark sich der Staat in das persönliche Leben einzelner Personen einmischt und wie ausschlaggebend das private Verhalten für den beruflichen Erfolg war. In dementsprechend gereizten und empörten Ton antwortet Heidelberger, dass er nebenbei seine verwitwete Mutter finanziell unterstützen muss und es sich daher nicht leisten kann eine Familie zu ernähren, da sein Antrag zur Ernennung zum Professor noch nicht bestätigt wurde.[32]

Dass er schließlich doch am 1.August 1938 verbeamtet und darauf auch zum Professor ernannt wurde zeigt, dass Heidelberger schließlich doch das Vertrauen der NSDAP erlangen konnte.
Laut seinem Meldebogen der Spruchkammer, war Albin Heidelberger Mitglied im NSLB, im NSV und in der NSDAP, in die er aber erst 1939 eintrat. Außerdem übte er ab 1936 bzw. 1937 das Amt eines Blockwarts und eines Wohlfahrtsverwalter aus.
Die Spruchkammer entschied, vermutlich auch aufgrund dieser Ämter, ihn in die Gruppe der Mitläufer einzuteilen und ihn mit einer Geldsühne von 300 RM zu bestrafen.

Michael Wibel erlebte Heidelberger als „sehr konservativ bildungsbürgerlich und eher der Typ des englischen Gentleman als der eines Nazi“[33]
Heidelberger scheint also eher neutral gesinnt und es wirkt so, als ob er die Ämter in den Organisationen der NSDAP nur annahm, weil er auf bessere Karrierechancen hoffte. Er tritt zu Beginn öffentlich eher politisch unbeteiligt auf, sonst hätte die NSDAP nicht sein fehlendes Engagement bemängelt, aber das Erlangen des beruflichen Erfolgs zeigt die Veränderung in Heidelbergers Auftreten, das der NSDAP positiv auffiel.

4.2 Karl Vivell

Geboren am 23.Januar 1886 besuchte er bis zu seinem Abitur 1904 das Bismarck-Gymnasium und kehrte 1921 nach dem Studium in Freiburg als Lehrer für Latein, Geschichte und Griechisch an die Schule zurück. [34]
Vivells Personalakte ist sehr unauffällig, wird er doch im Dienstzeugnis aus dem Januar 1935 als „unpolitischer Mensch, aber unbedingt zuverlässig“ dargestellt, seine politischen Handlungen seien aber einwandfrei.[35]
Auffallend ist allerdings, dass Vivell erst am 18.Juli 1941 den Antrag zur Aufnahme in die NSDAP stellte. Dieses späte Eintrittsdatum und die Aussage des Professor Dr.Albert Kessler, der meinte, dass Vivell „nur nach langem Wiederstreben, gezwungen durch seine Vorgesetzten, der NSDAP beigetreten ist“[36] spricht dafür, dass Vivell nicht von den Idealen des Nationalsozialismus überzeugt war. Allerdings war er bereits ab 1935, bzw. 1936 Mitglied im NSLB, RLB und dem NSV.

1945 wurde Karl Vivell wie alle Beamten automatisch entlassen, er durfte aber ab dem 14. März 1946 vorläufig wieder unterrichten, bis er am 24.August 1949 wieder in den Dienst am Bismarck-Gymnasium eingestellt wurde.
Schnell stieg er zum Oberstudiendirektor als Leiter einer höheren Schule auf und musste seinen Ruhestand, der eigentlich 1951 beginnen sollte, bis zum 30.April 1952 aufschieben, da sein Dienstverhältnis verlängert wurde. Als Gründe hierfür wurden genannt, dass aufgrund räumlicher Probleme der Unterricht in zwei Schichten stattfinden musste und kein geeigneter Lehrer vorhanden war, der ohne weiteres die Stelle des Direktors übernehmen konnte.[37]

Das Spruchkammerverfahren Vivells jedoch war nicht so klar und einfach. Zwar wurde er am 1.Februar 1947 durch die Spruchkammer Karlsruhe in die Gruppe der Belasteten eingestuft, allerdings folgte auf dieses Urteil ein Antrag auf Einstufung in die Gruppe 5 der Entlasteten und ein Strafverfahren wegen Meldebogenfälschung.[38]
Vivell hatte in seinem Meldebogen angegeben das Amt des Blockhelfers des NSV ausgeübt zu haben, allerdings nicht, dass er auch als Blockleiter der NSDAP tätig gewesen war. Jedoch gelang Vivell die Wiederlegung des Strafverfahrens nicht.

Erfolgreich hingegen war der Antrag gegen die Einstufung in die Gruppe der Belasteten mithilfe verschiedener Entlastungszeugnisse. So berichtet beispielsweise der Stadtrat Albert Kessler, dass seine Söhne Vivell als beruhigend und ausgleichend erlebt hätten. Sie hätten durch ihn im humanistischen Gymnasium ein Gegengewicht gegen den Geist der HJ gefunden. Ein Kollege meinte, Vivell „war im eigentlichen Sinne nicht mal ein Mitläufer sondern vielmehr ein Mitgeschleppter“. Und auch Geistliche betonten „seine religiös-kirchliche Gesinnung und Haltung [an der er] auch während des Nazisystem festgehalte hat“ .[39]
Nach diesem Antrag wurde Vivells Spruchkammerakte neu bearbeitet und er wurde im Juni 1948 in die Gruppe der Mitläufer eingereiht und mit einer Geldsumme von 800 RM bestraft.

Natürlich muss man hierbei beachten, dass diese Aussagen beschönigend wirken und vermutlich überdeutlich die Unschuld Vivells darstellen sollen. Diese sogenannten Persilscheine dienten dazu, eine Person besser darzustellen und ihre Taten zu rechtfertigen und zu beschönigen, um ein milderes Urteil zu erlangen. 

4.3 Hugo Zimmermann

Der Direktor Zimmermann wurde zwar nicht durch ein Spruchkammergericht entnazifiziert, da er bereits 1944 an einer Infektion mit Lungenentzündung starb, allerdings möchte ich ihn trotzdem in meiner Arbeit erwähnen, da ich denke, dass er einen wichtigen Teil in der Geschichte unserer Schule einnimmt.
Hugo Zimmermann, der am 30.November 1885 in Karlsruhe geboren wurde, besuchte ebenfalls bis zu seinem Abitur 1904 das Bismarck-Gymnasium und muss Karl Vivell, der auch in diesem Jahr das Abitur machte, deshalb schon als Jugendlicher gekannt haben.
Auch er studierte Philologie unterrichtete aber erst in Mannheim, Pforzheim und am Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, bevor er Direktor am Gymnasium Pforzheim wurde.
Ab dem 1. Juli 1934 jedoch war er als Direktor am Bismarck-Gymnasium angestellt und war auch mit anderen wichtigen Ämtern betraut. So war er beispielsweise der Leiter der Direktorenkonferenz und als Leiter des pädagogischen Seminars mit der Ausbildung der Referendare an den höheren Schulen beauftragt.[40]
Dies zeigt, dass Zimmermann das Vertrauen des Ministeriums für Kultus und Unterricht hatte. Zimmermann wurde außerdem 1936 in einem streng vertraulichen Dokument, das wegen „etwaiger Beförderung“ von der NSDAP angefordert wurde, als „im nationalsozialistischem Sinne politisch zuverlässig“ genannt.[41]

Zimmermann trat 1937 in die NSDAP ein und wurde 1940 mit verschiedenen Dienstleistungen in einem Gymnasium in Straßburg betraut, in dem er neben Sanierungen vor allem auch das Entfernen aller französischen Gegenstände betreuen sollte.
Auffallend ist außerdem ein Aufsatz über „Die nationalsozialistische höhere Schule“, der in der Festschrift zum 350-jährigen Bestehen des Bismarck-Gymnasiums 1936 erschien.[42] In diesem Aufsatz fallen einige besonders markante Sätze auf, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprechen. So erwähnt Zimmermann beispielsweise wie viel das deutsche Volk „seinem Führer“ zu verdanke habe und wie stolz er sei, als Erzieher am „Bau der deutschen Zukunft“ mitarbeiten zu dürfen.[43] Darüber hinaus schrieb er, dass die nationalsozialistische Haltung keine Kompromisse kenne und Deutschland junge Menschen bräuchte,  „die schon in ihrer Jugend zu Härte erzogen worden sind“.[44] Diese und weitere nationalsozialistischen Aussagen können zeigen, dass Zimmermann von ihnen überzeugt war, jedoch muss auch beachtet werden, dass solche Worte von einem Schulleiter unter dem NS-Regime erwartet wurden.
Allerdings treten bei Zimmermanns Geschichte auch oft Ereignisse auf, die gegen eine nationalsozialistische Haltung sprechen und man kann sich, wie so oft, nicht auf das offizielle Auftreten beschränken.

Zimmermann starb, stark getroffen vom Tod seines Sohnes als Soldat, am 15.April 1944 an einer verschleppten, schweren Infektion mit Lungenentzündung.
So wurde Zimmermann konnte zwar nicht durch ein Spruchkammergericht entnazifiziert werden, doch er wurde stattdessen von seinen Kollegen am Bismarck-Gymnasium im Jahresbericht 1953/54 in einem Bericht entnazifiziert, in dem er als bestrebt bezeichnet wird ein „am edlen Vorbild antiker humanitas geschulter guter Deutscher zu sein.“[45]

4.4 Hermann Stephan

Auch Hermann Stephan, der 1905 als Sohn eines Bierbrauers geboren wurde, unterrichtete ab 1935 als Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie am Bismarck-Gymnasium, nachdem er zunächst in Mannheim und Bruchsal tätig war.
Er bekam ein „ sehr gutes Gesamturteil“ von Direktor Hugo Zimmermann und auch seine politische sowie berufliche Karriere verlief im nationalsozialistischem Sinne unauffällig.[46] Er nahm an verschiedenen militärischen Übungen teil und arbeitete ab Mai 1944 zusätzlich als Lehrer in einer Flakartillerieschule.[47]
Im Mai 1945 wurde Stephan automatisch entlassen, durfte aber nach seiner Wiedereinstellung im Oktober desselben Jahres wieder am Bismarck-Gymnasium unterrichten, bis er im folgenden Jahr aufgrund seines Meldebogens suspendiert wurde. Um wieder angestellt zu werden lieferte Stephan Zeugnisse, in denen er als dem Nationalsozialismus und der NSDAP abgewandt war.

Stephan selbst sagt von sich, dass er kein aktiver Nationalsozialist gewesen ist, und auch Dr.Blank, Direktor am Bismarck-Gymnasium, meint, dass Stephan „als jungem Lehrer […] nichts anderes übrig [blieb], als in die Partei einzutreten“ und Stephan die „verhältnismäßig unpolitische Tätigkeit in der NSV“ wählte.[48] Dieses Zeugnis stellt Stephan im guten Licht dar, allerdings ändert sich diese Darstellung mit der Aussage von Josef Franz, der Unteroffizier in der Flakbatterie war, in der Stephan als Lehrer tätig war. Als er erfuhr, dass Stephan wieder als Lehrer beschäftigt werden sollte, stellt er seine Erfahrungen mit ihm dar. Franz betont, dass Stephan „stets nationalsozialistischer Anschauung vertrat“ und auch sonst ein „Aktivist im Sinne der NSDAP“ war. Dem Unteroffizier ging es mit seinem Bericht darum, „dass Leute dieser Art nicht mehr in die Schule kommen“.[49]
Meiner Meinung nach zeigen diese widersprüchlichen Einschätzungen, wie verworren und undurchsichtig das wahre Verhalten und Auftreten einer Person ist und, dass die tatsächliche Gesinnung der Entnazifizierten oft nicht mehr klar erkennbar war.

Hermann Stephan muss als Lehrer bei seinen Schülern beliebt gewesen sein, denn als seine Versetzung drohte, verfassten einige Schüler einen Bittbrief, damit Stephan nicht versetzt wurde. Als Gründe gaben sie an, dass Stephan eine „hochgeschätzte Lehrkraft“ ist und er einige Klassen bis zum Abitur begleiten soll, da sowohl Lehrer als auch Schüler unter dem vielfachen Wechsel der Lehrkräfte litten.[50]
Hinzu kommt, dass Michael Wibel die Verachtung Amerikas durch Stephan erwähnt. Als Wibel als Schüler an einem Schüleraustausch nach Amerika teilnahm, konnte sein Lehrer Stephan nicht verstehen, dass ein deutscher Junge freiwillig nach Amerika geht, und als Wibel mit Blue Jeans, einem damals wichtigem Symbol für Amerika, in die Schule kommt, ist er bei Stephan „endgültig untendurch“ [51]. Des weiteren betont Wibel den Hass auf die Kommunisten, den die Schüler oft dazu nutzten um von sich selbst abzulenken, indem sie darauf hinwiesen, dass an allem nur die Kommunisten schuld seien.[52]
Es muss jedoch hierbei auch bedacht werden, dass zu dieser Zeit viele Menschen national gesinnt waren, allerdings könnte dies auch ein Indiz für nationalsozialistisches Denken sein.
Interessant ist außerdem, dass Stephan nur 1,64 Meter groß war und nur etwa 55 Kilogramm wog[53] und aufgrund dieser Äußerlichkeiten bei Lehrern und Schülern Spitznamen hatte. Wibel beschreibt ihn als „sehr kleines, knorriges Männlein“ und die Kollegen nannten ihn „Katastrophenzwerg“[54] während die Schüler ihn „Millimeter“ betitelten.[55]

4.5 Rudolf Etzel

Rudolf Etzel war einer der Lehrer, die sich aktiv gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen haben.

Obwohl Etzel, Jahrgang 1887, bereits 1922 in die NSDAP eintrat und nach dem Verbot dieser 1931 wieder Mitglied wurde, war er kein überzeugter Anhänger der Partei, trat er doch schon 1932 wieder aus der NSDAP aus mit der Begründung, dass seine Frau eine unberechtigte Beitragsforderung erhalten habe. Außerdem verbot er seinen vier Kindern in die Jugendorganisationen der NSDAP einzutreten und kündigte bis 1939 seine Mitgliedschaften in der SA, im NSLB und in der NSV. [56]
Dies und die Beurteilung des zuständigen Kreisleiters 1939 lassen darauf schließen, dass Etzel nicht die Ideologie des Nationalsozialismus vertrat, sondern gegen die Partei arbeitete und öffentlich schlecht von ihr sprach. Der Kreisleiter bezeichnete Etzel als „staatsschädigendes Querulantentum“ und meint, dass er „daher als Beamter, noch dazu als Lehrer, dem auch die nationalsozialistische Erziehung unserer Schüler anvertraut ist, nicht mehr geduldet werden“ kann. Außerdem wird über Etzel gesagt, er sei „ein verbissener Gegner der Partei, der sie schädigt und verhöhnt wo er kann“ während sein Wirken „volkszersetzend und volkszerstörend“ betitelt wird.[57]
Aufgrund dieser Beurteilungen und einer Anzeige des Kreisleiters fand im Januar 1940 eine Disziplinaruntersuchung gegen Etzel statt und er wurde mitten im Schuljahr suspendiert. Darauf folgte eine Versetzung nach Straßburg und schließlich nach Karlsruhe ans Bismarck-Gymnasium. Dort wurde er am 22. Januar 1945 von der Gestapo verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Heidelberg gebracht. Bevor allerdings das Verfahren vor dem Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ stattfinden konnte, endete der Zweite Weltkrieg und Etzel wurde freigelassen.[58]

Auch die Spruchkammer bestätigt, dass Eztel Widerstand geleistet hat und teilt ihn in die Gruppe der Entlasteten ein. Die Spruchkammer Heidelberg gesteht ihm eine „ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus“ nach dem Austritt aus der NSDAP zu und beachtet außerdem die „innere Loslösung von nationalsozialistischer Bewegung“ .[59]

Ich finde, dass dieses Beispiel zeigt, dass es für einen Lehrer in der Zeit des NS-Regimes sehr schwierig war Widerstand zu leisten.

4.6 Erwin Schell

Erwin Schell, der 1881 geboren wurde, arbeitete bis zu seiner Versetzung ans Bismarck-Gymnasium im April 1934 als Direktor an der Oberrealschule Schwetzingen. Die Versetzung steht im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in der katholischen Partei Zentrum, alternativ hätte Schell auch den Ruhestand wählen können, obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst etwa 50 Jahre alt war.[60] Diese Degradierung vom Direktor zum einfachen Professor zeigt, wie viel Einfluss die Parteizugehörigkeit auf die berufliche Karriere hatte und wie schnell die NSDAP nach der Machtergreifung im Januar 1933 die politische Gesinnung der höhergestellten Beamten überprüfte und gegebenenfalls einschritt.
Vermutlich aufgrund der Versetzung und aus Angst vor weiteren beruflichen Problemen trat Schell 1933 aus dem Zentrum aus und in die NSDAP ein.

Allerdings weigerte er sich an Ostern 1934 einige Schüler, die Mitglieder der SS waren, die mangelnde Kenntnisse besaßen und oft die Schule geschwänzt hatten zur Abiturprüfung zuzulassen.[61] Dies zeigt meiner Meinung nach, dass Schell keine Schüler bevorzugt behandelte, nur weil sie Mitglieder in einer Organisation der NSDAP waren.
Jedoch wurde Schell 1939, im Alter von fast 60 Jahren, als Reserveoffizier eingezogen und 1941 zum Major befördert, bis er schließlich 1944 aus dem aktiven Wehrdienst entlassen wurde.[62]
Schell kann also nicht mehr als Gegner der NSDAP gesehen worden sein, da er mit diesen wichtigen militärischen Ämtern betraut wurde.

Nach Kriegsende wurde Erwin Schell im Dezember 1945 aus dem Beamtentum entlassen, durfte aber ab März 1947 wieder am Bismarck-Gymnasium arbeiten, wenn er auch nur mit der Neukatalogisierung der Bibliothek beauftragt war und nicht mehr als Lehrer tätig sein durfte.
Das Spruchkammerverfahren gegen Schell endete im Dezember 1946 mit der Einstufung als Mitläufer und einem Strafgeld von 400 RM. [63] 1947 wurde das Spruchkammerverfahren unter einer Amnestieverordnung eingestellt.
Diese Entnazifizierungsgeschichte zeigt zum einen, dass durch Amnestieverordnungen viele Verfahren eingestellt wurden, aber auch, dass die amerikanischen Militärregierung wirklich bemüht darum war, keine Nationalsozialisten zum Unterricht zuzulassen, obwohl dies in den meisten Fällen unmöglich war.

5. Beantwortung der Fragestellung

Während ich mich mit dem Thema Entnazifizierung in Deutschland beschäftigte, fiel mir auf, dass es ein großes Bemühen von Seiten der Siegermächte, vor allem von der USA, gab, die Deutschen umzuerziehen und die Schuld zu sühnen. Jedoch scheiterten diese Bemühungen an verschiedenen Gründen.

Das vermutlich größte Problem war die Masse der Personen, die an den Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt waren. Deshalb war es einerseits unmöglich, alle diese belasteten Personen aus ihren Stellungen zu entlassen und sie durch Unbelastete zu ersetzen und andererseits war es noch schwieriger alle Fälle in den Spruchkammergerichten zu behandeln. Aus diesem Grund gab es auch viele Amnestieverordnungen und sehr viele Fälle wurden ohne Urteil fallen gelassen.

Hinzu kommt, dass es auch sehr schwierig war, die einzelnen Personen ihren Taten nach gerecht zu verurteilen. Besonders an meinen ausgewählten Einzelschicksalen konnte ich erkennen, wie kompliziert es war zwischen allen Angaben zu der Person die wahre Gesinnung und alle Taten zu entdecken. Dass viele Personen mit Persilscheinen versuchten ihre Vergangenheit zu beschönigen, trug auch zu dieser Verwirrung bei.

Außerdem bemerkte ich, dass die alliierten Siegermächte bei der von ihnen geplanten Entnazifizierung nur nach der Frage der Schuld geachtet haben, anstatt die Vergangenheit für die gesamte Bevölkerung aufzubereiten. Es gab zwar verschiedene Dokumente darüber, wie man mit den Meldebögen und den Spruchkammerverfahren umzugehen hatte, allerdings keine darüber, was mit den einzelnen Menschen getan werden sollte, die die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt hatten.
Aus der Entfernung und 70 Jahre später betrachtet wäre es vielleicht nötig gewesen mehr Aufklärungsarbeit zu leisten und sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzten. So wurden zwar einige Personen für ihre Verbrechen bestraft, aber danach ging es für alle weiter und nur Wenige trugen einen Schaden davon.
Vermutlich sollte auch mit dem notwendigen Wiederaufbau ein neues Leben in Deutschland begonnen werden, ohne die Vergangenheit mit einzubeziehen, doch ich denke, dass es wichtig gewesen wäre auch auf diese einzugehen.

6. Verortung und Darbietung der Ergebnisse

In der künstlerischen Darbietung meiner Ergebnisse stelle ich den allgemeinen Prozess der Entnazifizierung dar. Das Projekt besteht aus verschiedenen braunen und schwarzen Oberbekleidungsstücken, wie beispielsweise Hemden und Westen. Alle Kleidungsstücke sind grob mit weißer Farbe bemalt, sodass die dunklen, eigentlichen Farben noch etwas durchscheinen. In den Innenseiten sind jeweils kleine Dokumente und Ausweise aus der Zeit des Nationalsozialismus eingenäht.
Die einzelnen Stücke sollen frei im Schrankabteil des gemeinsamen Kubus hängen und dürfen auch von allen Seiten betrachtet werden, sowie angefasst werden.

Nicht nur die Dokumente und die Ausweise aus Organisationen der NSDAP, sondern auch die braune Farbe, die auch aufgrund der braunen Uniformen in der NS-Zeit eng mit dem Nationalsozialismus verbunden ist, soll das nationalsozialistische Denken und Handeln der Menschen darstellen. Ebenso wie die Farbe Schwarz, die für Schuld steht und so die Verbrechen symbolisieren soll, die unter dem NS-Regime begangen wurden.

Im Gegensatz dazu assoziiert man mit der Farbe Weiß die Unschuld und Reinheit. Durch das Übermalen der Kleidungsstücke mit diesem Farbton möchte ich die Art, wie sich viele Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des NS-Regimes gegenüber den Besatzungsmächten verhielten, darstellen. Um ein milderes Urteil durch die Spruchkammergerichte zu erhalten, versuchten sich viele Bürger mithilfe von Aussagen und Beweisschreiben von Freunden und Bekannten besser darzustellen, als sie sich tatsächlich verhalten haben. Viele konnten durch diese „Persilscheine“ ihre Verbrechen und ihre Schuld vertuschen und überdecken, sowie die weiße Bemalung die wahre Farbe der Kleidungsstücke überdeckt. Auch das Stück Pappe mit dem Logo der Waschmittelfirma Persil, das in einer Tasche eines Sakkos steckt, soll ein Hinweis auf diese Vertuschungsversuche sein.

Wichtig ist allerdings, dass die Innenseiten der Kleider ihre ursprüngliche Farbe behalten, da ich denke, dass viele der ehemaligen Parteimitglieder der NSDAP ihre Gesinnung nicht, oder zumindest nicht sofort, geändert haben und immer noch nationalsozialistisch dachten. Ich glaube nämlich, dass ein Mensch, nachdem er zwölf Jahre fanatisch von einer Sache überzeugt war nicht von einem Tag auf den anderen sein Denken umschalten kann, obwohl es natürlich sein kann, dass einige mit einem Schlag begriffen, was der Nationalsozialismus angerichtet hat.

Für die Präsentation aller Ergebnisse wurde von unserer Gruppe ein großer Kubus aus Holz gebaut, indem verschiedene Kästen und Einschübe eingebaut sind. So findet jedes Kunstwerk der Teilnehmer des Seminarkurses seinen eigenen Platz. Die einzelnen Projekte sind so angeordnet, dass jeweils zwei oder drei davon auf einer Seite des Würfels sind. Deshalb muss er auch frei in einem Raum stehen, damit man um ihn herumgehen kann und alle Seiten betrachten kann. Eines der Werke wird auch im Innern des Würfels ausgestellt, sodass man ihn betreten muss, um es zu betrachten.

Das Besondere an diesem Würfel ist, dass er alle Projekte gleichzeitig zeigt und auch einen Wiedererkennungswert besitzt, da die Ausstellung an allen Ausstellungsorten, wie beispielsweise den drei verschiedenen Schulen, gleich aussieht. Außerdem erweckt der Kubus durch seine Größe viel Aufmerksamkeit und Interesse. Daher wird er in den Eingangsbereichen der Schulen auch so aufgestellt, damit alle Schüler, die ihre Schule betreten, den Kubus bemerken und neugierig werden. Ich finde außerdem gut, dass alle Projekte im Zusammenhang ausgestellt werden. So lässt sich gleich auf den ersten Blick erkennen, dass alles zusammengehört und von einem Seminarkurs erschaffen wurde. Vielleicht kann so in vielen Schülern mehr Interesse an Geschichte und dem Erforschen der Vergangenheit geweckt oder neu entdeckt werden.

 

 

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

7.1 Primärquellen

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 235-1967/41 4799.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 235-1967/41 5215.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 465a 51/6 10964.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 465E 14752.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 465h 161.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 465h 171.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 456h 12999.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467-1 185.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467-1 297.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467-1 681.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467-1 781.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 635-2 916.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 465a 59/ 3/4597 1343.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467- 1983/56 184.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, GLA 467- 1983/56 185.

Wibel, Michael, Zeitzeugenbericht 16.02.2015.

Jahresbericht 1952/53 Bismarck-Gymnasium Karlsruhe

Jahresbericht 1953/54 Bismarck-Gymnasium Karlsruhe

 

7.2 Sekundärquellen

Borgsted, Angela, Entnazifizierung in Karlsruhe 1946-1951. Politische Säuberung im Spannungsfeld von Besatzungspolitik und lokalpolitischem Neuanfang, Konstanz 2001.

Brodesser, Gisela, Spuren der Diktatur. Studie über das politische Schicksal und das Verhalten von Karlsruher Gymnasiallehrern während des Dritten Reiches und die Ergebnisse ihrer Entnazifizierung, Karlsruhe 2000.

Taylor, Frederik, Zwischen Krieg und Frieden. Dies Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946, Berlin 2011.

Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. Niederlage, Ost-West-Spaltung und Wiederaufbau 1945-1949, Berlin-Brandenburg 2009.

Vollnhals, Clemens, Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, München 1991.

Steppuhn, Diether, Zwischen den Zeiten. Goldenes Abitur 1999 (Sexta 1940- Oberprima 1949) am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe, Würzburg 2001.

Steppuhn, Diether, Zwischen den Zeiten. Goldenes Abitur 1999 (Sexta 1940- Oberprima 1949) am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe 2, Würzburg 2003.

 

Bönisch, Georg: Amnesie und Amnestie, URL: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-45964826.html Letzer Zugriff: 06.06.2015.

Creutz, Ferdinand: Potsdamer Konferenz (17.07.-2.08.1945), URL: http://potsdamer-konferenz.de/, Letzer Zugriff: 06.06.15.

Grau, Andreas; Haunhorst, Regina; Würz, Markus: Entnazifizierung, URL: lhttp://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/entnazifizierung-und-antifaschismus/entnazifizierung.html, Letzer Zugriff: 06.06.2015.

Grau, Andreas; Würz, Markus: Potsdamer Konferenz, URL: http://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/befreiung-und-besatzung/potsdamer-konferenz.html, Letzer Zugriff: 06.06.2015.

Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. Niederlage, Ost-West-Spaltung und Wiederaufbau 1945-1949, Berlin-Brandenburg 2009.

8. Anhang

8.1 Abkürzungen

NSDAP                 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
NSLB                     Nationalsozialistischer Lehrerbund
NSV                       Nationalsozialistische Volkswohlfahrt
RLB                        Reichsluftschutzbund
HJ                           Hitlerjugend
SS                           Schutzstaffel

RM                        Reichsmark

Fußnoten

[1] Grau, Andreas; Haunhorst, Regina; Würz, Markus: Entnazifizierung, URL: lhttp://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/entnazifizierung-und-antifaschismus/entnazifizierung.html, Letzer Zugriff: 06.06.2015.

[2] Grau, Andreas; Würz, Markus: Potsdamer Konferenz, URL: http://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/befreiung-und-besatzung/potsdamer-konferenz.html, Letzer Zugriff: 06.06.2015.

[3]Creutz, Ferdinand: Potsdamer Konferenz (17.07.-2.08.1945), URL: http://potsdamer-konferenz.de/, Letzer Zugriff: 06.06.15.

[4] Endfassung der amerikanischenBesatzungsdirektive JCS 1067 vom 26.April 1945. In: Beate Ruhm von Oppen (Hrsg.), Documents on Germany under Occupation 1945-1954. London 1955, S. 13-27
zitiert nach Vollnhals, Clemens, Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, München 1991. S.94

[5] Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. Niederlage, Ost-West-Spaltung und Wiederaufbau 1945-1949, Berlin-Brandenburg 2009. S.144

[6] ebd.

[7] ebd. S. 146

[8] ebd. S.144f.

[9] ebd. S. 147f.

[10] ebd. S.148f.

[11] ka.stadtwiki.net/Besatzung  10.05.2015

[12] Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. S.147

[13] Vollnhals, Clemens, Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, München 1991. S.94 f.

[14] Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. S.149

[15] Grau, Andreas; Haunhorst, Regina; Würz, Markus: Entnazifizierung, URL: lhttp://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/entnazifizierung-und-antifaschismus/entnazifizierung.html, Letzer Zugriff: 06.06.2015.

[16] GLA 465h 171 Anweisungen für die Auswertung der Meldebögen

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands.  S.150f.

[20] ebd. S. 151

[21] GLA 465h Nr.161 Statistische Unterlagen zum 31.10.1947

[22] ebd.

[23] Uhl, Matthias, Die Teilung Deutschlands. S. 155

[24] ebd.  S.156

[25] Wibel, Michael, Zeitzeugenbericht 16.02.2015.

[26] GLA 467-1 297 Personalakte Albin Heidelberger

[27] ebd.

[28] ebd.

[29] vgl. ebd.

[30] ebd.

[31] ebd.

[32] vgl. ebd

[33]Wibel, Michael, Zeitzeugenbericht 16.02.2015.

[34] GLA 235- 1967/41 4799 Personalakte Karl Vivell

[35] ebd.

[36] GLA 465h 12999 Spruchkammerverfahren Karl Vivell

[37] GLA 235-1967/41 4799 Personalakte Karl Vivell

[38] GLA 465h 12999 Spruchkammerverfahren Karl Vivell

[39] ebd.

[40] GLA 235 Zug. 1967/Nr. 41 Personalakte Hugo Zimmermann

[41] ebd.

[42] GLA 635-2 916

[43] ebd.

[44] ebd.

[45] Jahresbericht 1953/54 Bismarck-Gymnasium Karlsruhe

[46] GLA 467-1 Nr. 781 Personalakte Hermann Stephan

[47] ebd.

[48] ebd.

[49] ebd.

[50] ebd.

[51] Wibel, Michael, Zeitzeugenbericht 16.02.2015.

[52] ebd.

[53] GLA 467-1 Nr. 781 Personalakte Hermann Stephan

[54] Wibel, Michael, Zeitzeugenbericht 16.02.2015.

[55] Stephun, Diether, Unsere Lehrer 1940-1944

[56] GLA 467/ 1983/56 Nr. 184 und 185 Personalakte Rudolf Etzel

[57] ebd.

[58] ebd.

[59] GLA 465a/59/3/4597 Nr. 1343 Spruchkammerverfahren Rudolf Etzel

[60] GLA 467/1983/56 Nr. 681 Personalakte Erwin Schell nach Brodesser, Gisela, Spuren der Diktatur. Studie über das politische Schicksal und das Verhalten von Karlsruher Gymnasiallehrern während des Dritten Reiches und die Ergebnisse ihrer Entnazifizierung, Karlsruhe 2000. S. 78f.

[61] ebd.

[62] ebd.

[63] GLA 465a/51/6/10964 Spruchkammerverfahren Erwin Schell nach Brodesser, Gisela, Spuren der Diktatur. S. 78f.

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  • Jessica Gaschler sagt:

    Hallo Frau Hirsch,
    vielen Dank für ihre Projektarbeit. Ich muss mich in meiner Seminararbeit mit einem ähnlichen Thema über Entnazifizierung der Lehrer in Rosenheim befassen. Von großen Interesse wäre für mich, wie sie an die Personalakten der Lehrer gekommen sind. Vielen Dank für Ihre Unterstützung,
    Jessica Gaschler

    • Philipp Haase sagt:

      Liebe Frau Gaschler,
      ich habe Ihren Kommentar intern an Frau Hirsch weitergeleitet und Sie um eine Antwort an Ihre hinterlegte Email-Adresse gebeten.
      Mit besten Grüßen,
      Philipp Haase

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