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„Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr“ – Interview mit Prof. Dr. Wolfram Pyta über seine Herrschaftsanalyse des Diktators

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Prof. Dr. Wolfram Pyta (© Rainer Kwiotek)

Sina Speit sprach mit Prof. Dr. Wolfram Pyta, Leiter der Abteilung für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, über seine Monographie „Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse“ und den Mehrwert kulturwissenschaftlicher Konzepte in der Erforschung der nationalsozialistischen Dikatur.

Sina Speit: Sehr geehrter Herr Prof. Pyta, in Ihrer umfangreichen Studie „Hitler – Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse“ wählen Sie unter Rekurs auf den Emigranten und Verfolgten des NS-Regimes, Walter Benjamin, einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der darauf abzielt, die „Ästhetisierung der Politik“ als Herrschaftsressouce Hitlers in den Mittelpunkt zu rücken. Worin liegt das Neue dieses Ansatzes?

Prof. Dr. Wolfram Pyta: Ich frage in meiner Studie danach, ob Hitler bestimmte, in der politischen Kultur fest verankerte ästhetische Konzepte mobilisieren konnte, welche an Politiker, aber auch an Militärs, genuin ästhetisch konfigurierte Erwartungshaltungen hinsichtlich der Performativität ihres Auftretens herantrugen. Dabei gelange ich zu dem Ergebnis, daß Hitler überaus erfolgreich darin war, das seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etablierte „Genie“-Konzept fruchtbar zu machen. Ähnlich wie das Charisma-Konzept ist das Genie-Konzept eine Zuschreibungskategorie – und dies bedeutet, daß Hitlers Genieanspruch auf erhebliche Zustimmung stieß.

Sina Speit: Den Mehrwert kulturwissenschaftlicher Konzepte für Ihre Herrschaftsanalyse der Person Adolf Hitler legen Sie in Ihrer Studie ausführlich dar. Kritisieren Sie damit auch, dass interdisziplinäre Ansätze in der Erforschung der NS-Diktatur bisher zu wenig nutzbar gemacht werden?

Prof. Dr. Wolfram Pyta: Man kann den Eindruck gewinnen, daß die geschichtswissenschaftliche NS-Forschung die begrifflichen Offerten aus den Kulturwissenschaften kaum zur Kenntnis genommen hat und auf dem ästhetischen Auge gewissermaßen blind ist. So sehr die NS-Forschung sich Verdienste um die Adaption sozialwissenschaftlicher Zugriffe erworben hat – hinsichtlich der Rezeption speziell aus der Literaturwissenschaft stammender Zugriffe besteht noch erheblicher Nachholbedarf.

buchcover hitler- künstler politiker feldherrSina Speit: Den zweiten Teil Ihres Buches widmen sie der Untersuchung Hitlers als Feldherr. In diesem Zusammenhang verwenden Sie die Bezeichnung des „Genies“ im Sinne einer Selbststilisierung des militärischen Befehlshabers. Wie begründen Sie Ihre Schwerpunktsetzung auf die Kriegführung Hitlers?

Prof. Dr. Wolfram Pyta: Mit dem an Bedeutung kaum zu überschätzenden Umstand, daß Hitler die letzten fünf Jahre seiner Herrschaft immer stärker in der Funktion des obersten militärischen Befehlshabers aufging. Hitler war der einzige unter den großen Gegenspielern im Zweiten Weltkrieg, der die Operationsführung an sich riß und den Krieg von seinem militärischen Lagezentrum aus leitete. Man muß sich wundern, daß Hitlers Kriegsherrschaft bislang im Schatten der Hitler-Forschung gestanden hat.

Sina Speit: Sie schreiben, die „Festung Europa“ sei eine Wortschöpfung Hitlers gewesen. Heute begegnet uns diese in politischen Debatten rund um die Sicherung der Außengrenzen der Europäischen Union. Wie ordnen Sie diesen Begriff in seiner Entstehungszeit und im heutigen Gebrauch ein?

Prof. Dr. Wolfram Pyta: Hitler verband mit diesem Begriff vor allem den Anspruch, eine Landung der Angloamerikaner in Westeuropa zu verhindern. Seit November 1943 lag der strategische Schwerpunkt seiner Kriegführung nicht mehr im Osten und damit im Krieg gegen die kommunistische Sowjetunion, sondern in der Abwehr der kapitalistischen Demokratien des Westens. „Festung Europa“ war daher im NS-Sprachgebrauch nicht zuletzt mit einer zutiefst antiwestlich-antikapitalistischen Ausrichtung verbunden. Und da nach Hitlers Zerrbild Großbritannien und die USA unter jüdischem Einfluß stünden, war diesem Begriff immer auch Hitlers fanatischer Antisemitismus eingeschrieben.

Sina Speit: Sie werfen zu Beginn Ihres Buches die Fragen auf: „Warum noch eine weitere Monographie über Hitler?“ – woraufhin Sie den Ansatz Ihrer Studie darlegen und diese als gewinnbringende neue Perspektive in der Erforschung der nationalsozialistischen Herrschaft erklären.
Als Vorsitzender der Kommission zur Erforschung der „Landesministieren in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“ möchte ich Sie fragen: Warum noch ein weiteres Forschungsprojekt zu Ministerien unter der Diktatur? Sehen Sie eventuell Möglichkeiten, kulturwissenschaftliche Konzepte auch in diesem Projekt fruchtbar zu machen?

Prof. Dr. Wolfram Pyta: In der Tat verfolgt das erwähnte Forschungsprojekt den Ansatz, eine Kultur des Verwaltungshandeln im NS-System in den Mittelpunkt der Untersuchung zu rücken. Dabei geht es auch um Fragen der Schriftlichkeit und Mündlichkeit von Verwaltungshandeln – aber nicht zuletzt darum, die Akteure selbst ins Zentrum zu plazieren und die von ihnen hinterlassenen Zeugnisse auch mit dem elaborierten Instrumentarium unter die Lupe zu nehmen, welches die Textwissenschaften gerade im Zeichen des material turn zur Verfügung stellen.

Sina Speit: Vielen Dank für das Interview.

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