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„Im Umlauf bei…“: Bürokratische Alltagspraxis in der Zivilverwaltung im Elsass. Oder: Über die Kunst, Kürzel zu entziffern.

Eine der Hauptaufgaben des Forschungsprojektes ist es, die nationalsozialistische Politik der badischen und württembergischen Ministerien aus der ihnen eigenen Verwaltungskultur heraus zu ergründen. Das heißt, wir versuchen zu rekonstruieren, ob und inwiefern eine ganz bestimmte Art zu verfahren Einfluss darauf hatte, was von der NS-Ideologie umgesetzt wurde – oder auch nicht. Ein besonders wichtiger Teil von Verwaltungskultur ist der bürokratische Alltag. Die Ministerialangestellten verfassten, korrigierten, versandten und lasen tagtäglich erhebliche Mengen an Schriftstücken. Das konnten interne handgeschriebene Notizen sein oder aber auch mehrere Seiten umfassende schreibmaschinengeschriebene Berichte oder Rundbriefe. Oftmals wurden zunächst Entwürfe verfasst, die unter Umständen von Vorgesetzten gegengelesen, korrigiert und kommentiert wurden. Häufig wurden die Schreiben vervielfältigt und gingen an mehrere Stellen. All diese verschiedenen Dokumente machen nun im Archiv unsere Hauptquelle aus. Sie will verstanden werden, und zwar nicht nur inhaltlich. Im Folgenden möchte ich anhand einiger Beispiele Einblick in das geschichtswissenschaftliche Arbeiten geben, indem ich zeige, was an der historischen Quelle Verwaltungsschreiben – neben ihrem offensichtlichen Inhalt – noch interessant sein kann und warum.

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Quelle 1. Klicken zum Vergrößern | ADBR 126 AL 904

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Quelle 1. Klicken zum Vergrößern | ADBR 126 AL 904

Am 16. Juni 1942 ermahnte der badische Innenminister und Leiter der Verwaltungs- und Polizeiabteilung im Elsass Karl Pflaumer seine nachgeordneten Dienststellen zu „einer höflichen und entgegenkommenden Behandlung der Bevölkerung,“ die „jedoch selbstverständlich nicht zu einer Nachgiebigkeit in sachlicher Beziehung […] führen“ dürfe, „wo ein hartes und unnachgiebiges Durchgreifen durch die Notwendigkeit des Krieges geboten“ sei. Das Schreiben war von mehreren Referenten mit ihrem Kürzel unterzeichnet worden. Am unteren Rand der ersten Seite standen die Ziffern und Buchstaben der verschiedenen Referate, in dessen Schreibstuben das Dokument zirkuliert hatte [Quelle 1]. Auch ein Artikel aus dem Völkischen Beobachter vom 27. Dezember 1943 über die Vereinfachung der Verwaltung um den Anforderungen des Krieges zu entsprechen, wurde „bei den Herren Referenten“ im Elsass „in Umlauf“ gebracht, wie es in der Verwaltungssprache hieß. Und auch hier waren wiederum Zahlen und Buchstaben am Seitenende geschrieben worden [Quelle 2].

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Quelle 2. Klicken zum Vergrößern | ADBR 126 AL 916

Die Aufgabe der Historikerin ist es nun herauszubekommen, wer sich hinter all diesen Kürzeln und Referatsnummern verbirgt. Denn nur so können wir wissen, wer ein Dokument gesehen hat, beziehungsweise welche Dienststellen und Akteure in eine Verwaltungshandlung involviert waren. Wenn man lange genug im Archiv Quellen studiert, dann entwickelt man für gewöhnlich ein Gespür für die Zeichen dieser Männer und Frauen und kann sie mit der Zeit recht zuverlässig zuordnen. Wer wie ich unzählige Schriftstücke der Zivilverwaltung im Elsass gesichtet hat, weiß zum Beispiel, dass das Kürzel oben links in Quelle 2 Innenminister Pflaumer gehörte, und dass das wie ein S aussehende Kürzel unten rechts in Quelle 1 eigentlich ein G ist und dem Regierungsrat Dr. Karl Günzer aus dem Referat 8c (Rechtsfragen im Gesundheitswesen) zuzuordnen ist. Auch die Schriftfarbe kann Aufschluss geben: Der Referent, der mit blau unterzeichnete, kam aus dem Referat 4, da er diese Ziffer auf der ersten Seite der Quelle 1 durchstrich.

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Quelle 3. Klicken zum Vergrößern | ADBR 126 AL 904

Man kann aber auch andere Quellen hinzuziehen, die einem das Entziffern der Kürzel und Referatsbezeichnungen vereinfachen. Gerade Rundverfügungen bzw. alles, was bei Dienststellen und Beamten „in Umlauf“ gebracht wurde, können dabei hilfreich sein. Eine Verfügung des Chefs der Zivilverwaltung (CdZ) über die „Erweisung des deutschen Grußes“ vom 15. Dezember 1943 musste beispielsweise vom gesamten Verwaltungspersonal, das im Elsass tätig war, gegengezeichnet werden. Hierfür wurden Namenslisten erstellt, und jeder/jede Angestellte hatte sein/ihr Kürzel und Datum dahinter zu setzen. Eine dieser Listen ging wiederum an die Referatsleiter der Verwaltungs- und Polizeiabteilung [Quelle 3]. Aber selbst die beim Chef der Zivilverwaltung beschäftigten einfachen Angestellten und „Reinemachefrauen“ hatten manchmal mit ihrer Unterschrift zu bestätigen, dass sie etwas gelesen hatten [Quelle 4]. Beachtenswert ist, dass diese unteren Behördenmitglieder mit vollem Namen unterschrieben. Die Beamtinnen und Beamten, deren Arbeitsalltag fast ausschließlich aus Schreiben und Lesen bestand, unterzeichneten lediglich mit Kürzel. Ich habe diverse Ausdrucke dieser Listen an einer Pinnwand in meinem Büro hängen, damit ich immer wieder darauf schauen und mir die Handschriften einprägen kann oder im konkreten Fall eine Unterschrift auf einem Dokument vergleichen kann.

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Quelle 4. Klicken zum Vergrößern | ADBR 126 AL 904

Eine weitere Art von Quelle, die bei der Zuordnung von historischen Akteuren in ihr Walten nützlich ist, sind die sogenannten Geschäfts- oder Dienstausteiler (auch -verteilung). Diese können einen ersten Überblick über die Namen und Aufgabengebiete der einzelnen Dienststellen und den dort arbeitenden Staatsdienern liefern. Jedoch habe ich für das Elsass beispielsweise bislang nur einen vollständigen Verteiler finden können. Dieser beinhaltet zudem lediglich eine der drei im Elsass tätigen Abteilungen und hat leider weder Referatsnummern, noch ist er mit Datum versehen (ich habe ihn durch Kontextualisierung auf das Jahr 1942 datieren können). Zudem kommt erschwerend hinzu, dass ständig Personalveränderungen stattfanden, dass Referenten parallel für mehrere Referate zuständig waren, Tätigkeitsgebiete nicht immer klar definiert waren, und dass aufgrund des Krieges Männer aus der Verwaltung abgezogen und in die Wehrmacht eingezogen wurden. Auch im Elsass herrschte also die von der Forschung konstatierte sogenannte Polykratie des nationalsozialistischen Staats. Die hier abschließend gezeigte Aktualisierung der Geschäftsverteilung vom 19. November 1942 (und es hatte in diesem Jahr allein schon mehrere gegeben) zeigt eindrücklich, wie kompliziert es sein kann herauszufinden, wer, wann, in welchem Bereich aktiv war [Quelle 5]. Und das beantwortet dann immer noch nicht die Frage, was er oder sie genau dort tat.

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Quelle 5. Klicken zum Vergrößern | ABDR 126 AL 897

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