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Personalpolitik und Karrierismus am Rockzipfel des nationalsozialistischen Besatzungsregimes. Die Verdrängung des Leiters einer elsässischen Heil- und Pflegeanstalt 1940

Ein Teil unseres Forschungsprojekts widmet sich der nationalsozialistischen Herrschaft im Elsass, die vornehmlich aus dem angrenzenden Baden durch die dortigen Landesministerien organisiert wurde. In einem Hauptseminar, das Prof. Sylvia Paleletschek und Dr. Marie Muschalek im Wintersemester 2016/17 anboten, beschäftigten sich Studierende der Universität Freiburg mit dieser Grenzgeschichte. Der folgende Beitrag ist Teil einer Reihe von Artikeln, die im Rahmen des Seminars entstanden sind.

Mit der De-Facto-Annexion des Elsass im Sommer 1940 machte es sich der neue Chef der Zivilverwaltung Robert Wagner zum Ziel, die Verwaltung und das öffentliche Leben möglichst schnell zu „germanisieren“. Auch bestehende Institutionen, wie zum Beispiel die 16 Kilometer nördlich von Straßburg gelegene Heil- und Pflegeanstalt Stephansfeld, waren davon betroffen. Zum 1. Oktober 1940 wurde auf Erlass des Chefs der Zivilverwaltung aus dem „hôpital psychiatrique de Stephansfeld“ die „Staatliche Heil- und Pflegeanstalt Stephansfeld“. Wie wirkte sich dieser Machtwechsel auf die psychiatrische Anstalt vor Ort aus?

Die Anstalt Stephansfeld im Jahr 1905 (Foto: Wioland, A. (Bearbeiter): Stephansfeld (Basse-Alsace). Asile des aliénés, 1905, aus: Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg (BNU), NIM03233, URL = http://bit.ly/2opkxSH).

Wie die anderen elsässischen Anstalten, war auch Stephansfeld im April und Juni 1940 wegen der Kriegshandlungen evakuiert worden. Einer Auflistung ist zu entnehmen, dass dabei etwa 800 PatientInnen in sechs verschiedene Aufnahmeanstalten im Innern Frankreichs verbracht wurden – in das nahegelegene Département Haute-Marne, aber auch bis in die nordfranzösischen Départements Mayenne und Manche und sogar bis in die südfranzösische Dordogne. Viele PatientInnen wurden dabei mehrfach weiter transportiert. Von den zu Jahresbeginn 1940 noch 1280 PatientInnen in Stephansfeld waren am 19. Juni 1940 – als die Deutschen die Anstalt erreichten –,  nur noch etwa 345 Personen verblieben: 100 Männer und 245 Frauen. Schon bald wurde die Anstalt allerdings wieder mit PatientInnen aus aufgelösten Heil- und Pflegeanstalten im Elsass und aus dem Altreich gefüllt. Unter „PatientInnen“ ist hier – analog zu den Anstalten im Altreich – eine ganze Bandbreite von Menschen mit psychischen, aber auch physischen Erkrankungen oder normabweichendem Verhalten – von Schizophrenie über Epilepsie bis hin zu Alkoholismus – zu verstehen. In den Verwaltungsakten spielten dagegen stärker die Kategorien „arbeitsfähig“ und „arbeitsunfähig“ eine Rolle.

Analog zu anderen „Unliebsamen“, wurde auch vielen ehemaligen PatientInnen die Rückkehr ins Elsass verwehrt. Verbliebene jüdische PatientInnen standen besonders im Visier der betreffenden Verwaltungsstellen und wurden in Listen explizit erfasst. Die meisten Anstaltsleitungen kamen diesen Vorgaben des Besatzungsregimes entgegen.

Dagegen sticht das Verhalten des Stephansfelder Anstaltsleiters Dr. Jean (je nach Intention auch “Johann“) Eissen hervor. Gleich im Juli 1940 wurde Eissen nach einer Anzeige des Oberstabsarztes Kreiser verhaftet, „weil er es an jedem Entgegenkommen […] habe fehlen lassen“, „zu den unbedingt deutschfeindlichen Elementen gehöre und eine deutschfeindliche Flüsterpropaganda in der Anstalt verbreite“. Um die antideutsche und verschwörerische Komponente der Beschuldigung zu verstärken, schob der Landkommissar Emil Petri noch hinterher: „Tatsache ist jedenfalls, dass er Freimaurer ist“. Petri informierte die Zivilverwaltung darüber, dass Eissen seiner Stelle enthoben und diese nun vakant sei. Er habe daher den Kreisarzt Dr. Sättel kommissarisch eingesetzt, der durch seine Tätigkeit an der Straßburger Universität „psychiatrisch vorgebildet“ sei.[1]

Das zuständige Polizeibataillon verhörte Angestellte der Anstalt, die zum großen Teil ihren ehemaligen Chef belasteten. Was genau ihre Motivlage war – Opportunismus, politisch-ideologische Überzeugung, Druck von außen, Angst vor Repressionen oder das Begleichen offener Rechnungen und die Hoffnung auf Aufstieg – kann nicht eindeutig geklärt werden, zumal die Motive oft vielschichtig waren. Die Aussagen sprechen jedoch für sich.

Zunächst sagte der 1900 im damaligen Reichsland geborene und seit 1939 in der Anstalt beschäftigte Verwalter Paul Weiss aus. Schon seit Amtsantritt habe sich Eissen korrupt verhalten und eine Zusammenarbeit sei stets schwierig gewesen, „[d]a meine Ansichten und die des Dr. Eissen in vielen Punkten auseinandergingen“. Zu Kriegsbeginn habe Eissen die Anstalt sofort dem französischen Militär zur Verfügung stellen wollen, was Weiss persönlich habe bekämpfen müssen. Durch die von Eissen angeordneten Evakuierungen stünde Stephansfeld nun zudem wirtschaftlich schlecht da. Einquartierungen der Wehrmacht seien von Eissen verhindert worden. Weiss schlug daher die Amtsenthebung und den Landesverweis seines Chefs vor.

Der ebenfalls im Elsass der Reichslandzeit geborene, etwa 51jährige Apotheker Karl Georg Lang, seit 1919 in Stephansfeld beschäftigt, schwärzte Eissen wegen „Judenfreundlichkeit“ an. Zunächst hätten die beiden Männer ein gutes Verhältnis gehabt, „im Laufe der Jahre“ habe er sich aber zurückgezogen, auch weil er gemerkt habe, „daß Dr. Eissen sehr viele Juden als angebliche Kranke in die Anstalt aufnahm, um diese dem Strafrichter für verübte Straftaten zu entziehen“. Für den Apotheker scheint die Theorie einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung eine Rolle gespielt zu haben: „Ich vermute aber, daß er [Anm.: Eissen] der Freimaurerei angehört, und zwar deswegen, weil er in jüdischen Kreisen verkehrt hat und auch deswegen, weil er Juden in der Anstalt als angebliche Kranke aufgenommen [hat] und diese in besonderer Weise bevorzugte.“ Eissen habe außerdem einen Freimaurertempel im Garten der Anstalt errichten lassen.

Titelblatt des Sonderdrucks von „Der Aufbau“: Freimaurer – Aufrührer – Juden, Hans Tancred (http://bit.ly/2oiTer3) | Klicken zum Vergrößern

Diese Verknüpfung von jüdischem und freimaurerischem Konspirationsverdacht hatte sich schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zur Vorstellung verdichtet, wonach Juden und Freimaurer Drahtzieher einer Verschwörung zur Weltherrschaft seien. Völkische und nationalsozialistische Ideologen wie Alfred Rosenberg verbreiteten in auflagenstarken  Propagandaschriften (beispielsweise in „Der Aufbau“) diese Verschwörungstheorien. Dass ein elsässischer Apotheker diese Propaganda aufgriff und gegen einen als frankophil eingestuften Arzt als Anklage vorbrachte, zeigt, wie wirkmächtig und verbreitet diese waren.

Andere  befragte Beschäftigte der Heil- und Pflegeanstalt waren zu sehr damit beschäftigt, Vorwürfe gegen die eigene Person zu entkräften; teilweise bestritten sie auch Wissen und Interesse an Dr. Eissens persönlichen Angelegenheiten. Zum Schluss nahm Eissen selbst Stellung zu den Vorwürfen. Er wurde 1884 in der Franche-Comté geboren, nicht im Elsass, was die Akten ebenso wie seine Kriegsteilnahme im Ersten Weltkrieg auf französischer Seite betonen. Die Leitung der Pflegeanstalt Stephanfeld hatte er 1919 – nach dem Ende der Reichslandzeit und nachdem das Elsass wieder zu Frankreich gehörte – übernommen. Eissen  rechtfertigte die ihm gegenüber erhobenen Vorwürfe mit pragmatischen Hindernissen, die die Einquartierung der deutschen Wehrmacht verhindert hätten; auch habe er mit dem Bau des Tempels nichts zu tun: „Sämtliche Anschuldigungen, die mir zur Last gelegt werden, bestreite ich samt und sonders“. Er räumte jedoch ein: „Ich bin Franzose und habe eben meine freie Meinung geäußert.“ Trotz seines Wunsches, weiter in der Anstalt beschäftigt zu werden, blieb es bei der Entlassung. Der Bericht entschied allerdings: „Beweise irgendwelcher Art, wonach Dr. Eissen der Freimaurerei angehört, konnten bisher nicht erbracht werden.“ Für die ermittelnden Stellen spielte also vielmehr Eissens Bekenntnis zu Frankreich und seine französische Identität eine Rolle.

Wohl im Eigeninteresse beteuerte der kommissarische Leiter Dr. Sättel auf Nachfrage, dass Eissens weitere Anwesenheit nicht benötigt würde und er dessen Abschiebung begrüße. Sättel betonte, er selbst sei im Reichsland geboren und sozialisiert worden sowie als Kriegsfreiwilliger 1914/15 auf deutscher Seite eingetreten. Seine Ambitionen und Interessenslagen verdeutlicht die folgende Aussage: „Der unglückliche Ausgang des Krieges mit der damit verbundenen Ueberschwemmung aller Posten durch Innerfranzosen, der Verriegelung aller Anstalts-Stellen auf Jahrzehnte hinaus, die Unmöglichkeit mit unseren spärlichen französischen Sprachkenntnissen einen ‚franz. Wettbewerb‘ zu bestehen, hat mich vor die Notwendigkeit gestellt, auf meine bisherige Laufbahn zu verzichten und eine Allgemeinpraxis in Bischheim anzunehmen.“ Hier treten deutlich die ökonomischen Interessen der Beteiligten und die für manche Elsässer durch die deutsche Besatzungsherrschaft erhofften oder sich tatsächlich eröffnenden Karrierechancen zutage.

Was weiter mit Dr. Eissen geschah, geht aus den Akten leider nicht hervor. Er könnte aber im Zuge der Ausweisungswellen des Jahres 1940 als „Frankophiler“ oder „Innerfranzose“ ins Vichy-Frankreich abgeschoben worden sein.

Zwar handelt es sich bei Dr. Eissen um einen Einzelfall, er kann aber als ein Beispiel dafür dienen, dass gerade auf den höheren Verwaltungsebenen viele sich zu Frankreich bekennende Beamte durch sogenannte „Altdeutsche“ oder deutschfreundliche Elsässer ersetzt wurden. In diesem Prozess spielten nicht nur politische Gesinnung, ethnische oder nationale Identität eine Rolle, sondern auch durchaus ökonomisch oder karrieretechnisch motivierte Partikularinteressen.

[1] Sättel blieb nicht lange Leiter von Stephansfeld, sondern übernahm die Anstalt Hördt und blieb damit in der elsässischen „Irrenfürsorge“ eine wichtige Figur.

Quelle: ADBR, 126 AL 127, „Medizinalwesen Heilanstalten Stephansfeld“.

 

Verwendete Quellen

ADBR (Archives Départementales du Bas-Rhin), 126 AL 123, „Medizinalwesen Irrenfürsorge“, darin „Medizinalwesen Beschäftigung von Pfleglingen“.

ADBR, 126 AL 123, „Medizinalwesen Irrenfürsorge“, darin „Medizinalwesen der Irrenfürsorge. Allgemeines, Verordnungen etc.“.

ADBR, 126 AL 123, „Medizinalwesen Irrenfürsorge“, darin „Unterbringung Privatpersonen“.

ADBR, 126 AL 123, „Medizinalwesen Irrenfürsorge“, darin „Medizinalwesen. Verpflegungskosten“.

ADBR, 126 AL 127, „Medizinalwesen Heilanstalten Stephansfeld“.

ADBR, 126 AL 129, „Medizinalwesen Heilanstalten Stephansfeld“.

ADBR, 126 AL 131, „Medizinalwesen Heilanstalten Rufach“.

ADBR, 126 AL 132, „Medizinalwesen Heilanstalten Sonnenhof“.

Verwendete und weiterführende Literatur

Brink, Cornelia: Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860–1980, Göttingen 2010.

Grandhomme, Jean-Noël: La „mise au pas“ (Gleichschaltung) de l’Alsace-Moselle en 1940–1942, in: Revue d’Allemagne et des pays de langue allemande 46, 2 (2014), S. 443–465.

Habay, Murielle/Herberich-Marx, Geneviève/Raphael, Freddy: L’identité – stigmate. L’extermination de malades mentaux et d’asociaux alsaciens durant la seconde guerre mondiale, in: Revue des Sciences Sociales de la France de l’Est 18 (1990/91), S. 38–62.

Kettenacker, Lothar: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsaß, Stuttgart 1973.

Krätzner, Anita (Hrsg.): Hinter vorgehaltener Hand. Studien zur historischen Denunziationsforschung (= Analysen und Dokumente 39), Göttingen/Bristol 2015.

Päßler, Ulrich: Das Elsass unter NS-Herrschaft, in: Michael Erbe (Hrsg.): Das Elsass. Historische Landschaft im Wandel der Zeiten, Stuttgart 2002, S. 167–176.

Pfahl-Traughber, Armin: Die freimaurerfeindliche Verschwörungsideologie der Nationalsozialisten. Bestandteile, Entwicklung und Verwendung in Bewegungs- und Systemphase, in: Helmut Reinalter (Hrsg.): Freimaurerei und europäischer Faschismus (= Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei 10), Innsbruck 2009, S. 32–51.

Rogalla von Bieberstein, Johannes: Der Mythos von der Verschwörung. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung, Wiesbaden 2008.

Stiller, Alexa: Grenzen des „Deutschen“. Nationalsozialistische Volkstumspolitik in Polen, Frankreich und Slowenien während des Zweiten Weltkrieges, in: Mathias Beer (Hrsg.): Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950, Essen 2009, S. 61–84.

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