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Vom Aktenbündel zur Geschichtsstunde – Unterrichtsmaterial online

Das Forschungsprojekt „Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“ hat es sich von Beginn an zur Aufgabe gemacht, die geschichtlich interessierte Öffentlichkeit in den laufenden Forschungsprozess einzubinden. „Kleinere Forschungsergebnisse, kurze Zusammenfassungen von einzelnen historischen Phänomenen oder Einblicke in die ‚Werkstatt des Historikers‘, also die Arbeitsweise der Wissenschaftler“ sollten laut Vorstudie projektbegleitend bereitgestellt werden. Diesem Anspruch kommt die Universität Heidelberg, vertreten durch Prof. Dr. Engehausen und Prof. Dr. Cord Arendes,  für die Schulen nun mit zahlreichen Unterrichtsmaterialien nach, die man ab sofort unter dem Reiter Unterrichtsangebote studieren, herunterladen und im eigenen Unterricht einsetzen kann. Bei der Erstellung der Materialien kooperierten verschiedene Akteure,  Wissenschaftler und Lehrer, Lehramtsstudenten und Schüler auf unterschiedlichen Ebenen, um erstmals Erkenntnisse aus einem laufenden Forschungsprojekt direkt für die unterrichtliche Praxis nutzbar zu machen. Im Rahmen des Denkwerks „Begegnungen vor Ort – Verwaltungsgeschichte und NS-Alltag“ wurde diese Kooperation finanziell von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

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SchülerInnen beim Akten studieren… | Klicken zum Vergrößern

 

Bildungsplan: Regionalgeschichte fördert exemplarisches Lernen

Der neue Bildungsplan von 2016 betont: „ Die Regionalgeschichte ermöglicht den Schülerinnen und Schülern einen anschaulichen, eng auf ihre Lebenswelt bezogenen Zugang zur Geschichte. Ihr didaktisches Potential liegt insbesondere im exemplarischen Prinzip.“ Damit knüpft er nahtlos an die Zielsetzungen des noch gültigen Bildungsplans von 2004 an, der für den Themenbereich des Nationalsozialismus folgende, für das Projekt relevante Standards formuliert:

Die Schülerinnen und Schüler  (der 9. Klasse) können

  • Maßnahmen der „Gleichschaltung“ sowie Kennzeichen der totalitären Herrschaft – vorzugsweise im lokalen und regionalen Bereich – recherchieren und deren Einfluss auf den Alltag der Menschen erkennen, diese in einen übergeordneten Zusammenhang stellen und ihre Ergebnisse präsentieren.
  • persönliche Schicksale der weltanschaulichen und rassischen Verfolgung vor und im Zweiten Weltkrieg beschreiben und diese auf die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftspolitik zurückführen.

Die Schülerinnen und Schüler (der Kursstufe) können

  • Dokumente der nationalsozialistischen Ideologie analysieren und diese ideologiekritisch bewerten sowie wesentliche Gründe für den Aufstieg des Nationalsozialismus erläutern.
  • Kennzeichen der totalitären NS-Herrschaft darlegen und bewerten.
  • Terror und Völkermord an den Juden, Sinti und Roma als Mittel des Systems und Folge der Ideologie des Nationalsozialismus erkennen.
  • ein Bewusstsein für die historische Verantwortung entwickeln, die sich aus der NS-Vergangenheit ergibt.

 

Didaktische und methodische Vorüberlegungen

Was kann man Schülern der 9. Klasse oder Kursstufe 1, in denen die Zeit des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht behandelt wird, von der Verwaltung in Baden und Württemberg  zur Zeit des Nationalsozialismus näher bringen und wie? Verwaltung ist für Schüler auf den ersten Blick ein sehr sperriges Thema und lässt sich doch nur mit umfassenden juristischen Kenntnissen, die den Schülern fehlen, richtig verstehen. Gesetze, Verordnungen und Erlasse sind trockene, juristische Texte, die für Schüler sicher nicht interessant sind. So die berechtigten Einwände von vielen Seiten zu Beginn des Projektes.

Zwei Ansatzpunkte bei der Erstellung der Materialien versuchen diese Schwierigkeiten zu bewältigen:

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… wichtige Seiten scannen … | Klicken zum Vergrößern

1. Verwaltungsvorschriften greifen unmittelbar in den Alltag der Menschen ein. Betrachtet man also das Verwaltungshandeln von Seiten der Menschen, die im Alltag davon betroffen sind, eröffnen sich unmittelbare und auch für Schüler verständliche Anküpfungspunkte und Aufgabenfelder, die auch für die Gegenwart der Jugendlichen interessant und von Relevanz sein können. Schon allein der Alltag in den Schulen selbst ist von Hunderten von Verwaltungsvorschriften geprägt, heute wie damals. Wie sah der Schulalltag zwischen 1933 und 1945 vor Ort, z.B. in Heidelberg oder Neckargemünd aus? Welche Vorschriften aus dem badischen Kultusministerium prägten diesen Alltag? Hatten die Akteure vor Ort, z.B. Schulleiter und Lehrer, Handlungsspielräume und wurden sie genutzt? Neben dem Themenfeld ‚Schule‘ lassen sich auch Gesetze, Verordnungen und Erlasse der Landesebene und deren regionale und lokale Umsetzung in anderen Bereichen untersuchen: Machtübernahme in Baden und ihre Folgen vor Ort, die Ausgrenzung und Verfolgung verschiedener Gruppen, die Arisierung jüdischer Betriebe, die sogenannte Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Einrichtungen der Bildung und Wissenschaft vor Ort usw.

2. Schnell stellte sich heraus, dass Verwaltungshandeln für Schüler vor allem auf regionaler, besonders lokaler Ebene interessant ist. Die Ergebnisse des auf die Landesebene ausgerichteten Forschungsprojektes auf die lokale oder regionale Umgebung zu beziehen, dabei Orten und Personen der eigenen Umwelt zu begegnen, motiviert die Schüler z.B. zu eigener Recherche in Archiven oder zu Interviews mit Zeitzeugen und damit zu einem kritischen und reflektierten Umgang mit der Geschichte. Exemplarisch konnte so z.B. die Leidensgeschichte von Opfern des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten in Neckargemünd im Rahmen des Seminarkurses am Max-Born-Gymnasium Neckargemünd untersucht werden. Biographische und lokale Zugänge machen für die Schüler konkret und greifbar, kurzum verstehbar, wie und warum die Verwaltung auf dem Hintergrund der NS-Ideologie so handelte.


Von der Quelle über die Leitfrage zur Geschichtsstunde

Die Materialien, die den Geschichtskolleginnen und –kollegen hier zur Verfügung gestellt werden, sind in unterschiedlichen Zusammenhängen entstanden und kamen bereits in den  9. Klassen und der Kursstufe 1 des Max-Born-Gymnasiums Neckargemünd erfolgreich zum Einsatz.

Die Unterrichtsentwürfe gehen auf eine Übung für Lehrantsstudierende im Sommersemester 2015 unter der Leitung von StD Joachim Philipp zurück. Im Rahmen der Fachdidaktik II „Verwaltungsgeschichte und NS-Alltag“ haben die Studierenden zunächst von den Mitarbeitern des Projekts, Prof. Dr. Frank Engehausen, Katrin Hammerstein und Miriam Koch, zu den Ministerien des Kultus, der Finanzen und Wirtschaft und des Inneren einen wissenschaftlichen Input erhalten. Die von den Wissenschaftlern bereitgestellten Forschungsergebnisse und Quellen dienten den Studierenden dann dazu, problemorientierte Leitfragen für Geschichtsstunden in der Klassenstufe 9 und der Kursstufe zu entwickeln und umfangreiche Unterrichtsentwürfe zu erarbeiten. StR Dr. Christian Lannert und Joachim Philipp haben diese gekürzt, überarbeitet und in ein einheitliches Format gebracht. Die Tutorinnen des Denkwerks der Robert-Bosch-Stiftung und Lehramtsstudentinnen Vanessa Hilss und Julia Schönthaler erprobten besonders im 4-std. Geschichtskurs am Max-Born-Gymnasium Neckargemünd die Praxistauglichkeit der Entwürfe und überarbeiteten sie für die Publikation. In mehrfacher Hinsicht ergab sich aus dieser Zusammenarbeit ein Mehrwert: Die Schüler erarbeiteten sich den Unterrichtsstoff an neuem Quellenmaterial und konnten sich mit aktuellen Forschungsergebnissen auseinandersetzen. Sie erhielten einen unmittelbaren Einblick in die „Werkstatt der Historiker“. Die Tutorinnen und Lehramtsstudierenden konnten ihr wissenschaftliches Arbeiten mit ihrer praktischen Lehrerausbildung aufs Engste verzahnen. Die WissenschaftlerInnen und LehrerInnen traten in einen konstruktiven Dialog über Zeitgeschichte in Wissenschaft und Unterricht.

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… und wieder aufräumen. (Der Seminarkurs des Max-Born-Gymnasiums Neckargemünd mit Dr. Stingl im GLA Karlsruhe) | Klicken zum Vergrößern

Die Seminarkursarbeiten, die unter „Fremde Federn“ in loser Folge zur Verfügung gestellt werden, sind im Schuljahr 2015/16 im Rahmen des Seminarkurses „NS-Herrschaft in der Region“ unter der Leitung von StR‘ Elli Plett und StD Joachim Philipp am Max-Born-Gymnasium Neckargemünd entstanden. 10 SchülerInnen des Seminarkurses wurden von den Tutorinnen Vanessa Hilss und Julia Schönthaler und ihren Lehrern intensiv in das wissenschaftliche Arbeiten eingeführt und bei der aufwändigen Quellenrecherche in verschiedenen Archiven, dem GLA Karlsruhe, den Stadtarchiven in Neckargemünd und Heidelberg, dem Universitätsarchiv, unterstützt. Auch hier profitierten die SchülerInnen von der engen Zusammenarbeit mit dem NS-Landesministerienprojekt im Rahmen des Denkwerks „Begegnungen vor Ort“ der Robert-Bosch-Stiftung: Die Professoren Arendes und Engehausen standen ihnen bei mehreren Treffen Rede und Antwort, der Quellenfundus des Projekts in Heidelberg wurde ihnen über die Tutorinnen zugänglich gemacht.

Zum Schluss sei noch ein kurzer Ausblick auf den schulischen Alltag gestattet: Ein solch umfangreiches Projekt lässt sich im normalen Schulalltag nur bewältigen, wenn viel „Freizeit“ von allen Beteiligten investiert wird. Deputatsstunden haben die Lehrkräfte nicht bekommen. Die Rahmenbedingungen des Projekts waren allerdings sehr gut, besonders durch die finanzielle Förderung der Robert-Bosch-Stiftung im Rahmen des Denkwerks „Begegnungen vor Ort – Verwaltungsgeschichte und NS-Alltag“ und die stets offene und konstruktive Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg, besonders den Professoren Cord Arendes und Frank Engehausen. Von Seiten des Max-Born-Gymnasiums Neckargemünd gilt aber unser besonderer Dank den Tutorinnen Vansessa Hilss und Julia Schönthaler, die in der Abschluss- und Prüfungsphase ihres Studiums mit größtem Engagement und sehr viel Kompetenz fast ein Jahr intensiv mit unseren Schülerinnen und Schülern gearbeitet haben.

Alle ProjektteilnehmerInnen würden sich über Rückmeldungen der Geschichtskolleginnen und -kollegen zu den Materialien über das Formular auf der Homepage oder App des Projektes freuen.

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