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Akten geben Auskunft – Quellen zu Biografien von Verwaltungsbeamten: Teil II – Die politische Beurteilung

Einer der Schwerpunkte des Forschungsprojekts ist die Untersuchung der beruflichen und politischen Biografien der Ministerialbeamten. In der Archivarbeit begegnen hierzu im Wesentlichen vier Aktentypen: Personalakte, politische Beurteilung, Spruchkammerakte und Versorgungsakte. Diese werden nun in einer Reihe von Beiträgen vorgestellt. 

Akten geben Auskunft – Quellen zu Biografien von Verwaltungsbeamten: Teil I – Die Personalakte
Akten geben Auskunft – Quellen zu Biografien von Verwaltungsbeamten: Teil III – Die Spruchkammerakte
Akten geben Auskunft – Quellen zu Biografien von Verwaltungsbeamten: Teil IV – Die Versorgungsakte

Der Bestand 465c ist Teil der gesammelten Überlieferung des Berlin Document Centers. Dieser wurde unmittelbar nach Kriegsende von der US-Armee errichtet, um mit dem Ziel der Entnazifizierung auf beschlagnahmte Dokumente aus der NS-Zeit leichter zugreifen zu können. Hierfür wurden Akten von NS-Parteidienststellen, verschiedenen Kreisleitungen und Ortsgruppen, NS-Organisationen und weiteren verschiedenen Behörden zusammengeführt und neu geordnet. Zahlreiche dieser Dokumente entnahm man hierfür ihrem eigentlichen Entstehungszusammenhang und sortierte sie in andere Akten ein.

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Fragebogen zur politischen Beurteilung | Klicken zum Vergrößern

Im Jahr 1948 wurden die zuvor gesammelten Unterlagen an die Zentralspruchkammer Nordbaden in Karlsruhe abgegeben, wo sie im Rahmen der Beweisführung in den Entnazifizierungsverfahren hinzugezogen und weitergeführt worden waren. Anschließend wurde das Material zusammen mit den Spruchkammerakten an das Generallandesarchiv Karlsruhe abgegeben. Dort gerieten die Sammelakten zunächst weitgehend in Vergessenheit, bis die Wichtigkeit des vorhandenen Materials 20 Jahre später wiederentdeckt wurde. Heute kann es als „Grundstock der NSDAP-Überlieferung“[1] im Generallandesarchiv bezeichnet werden.

Die personenbezogenen Sammelakten unter der Signatur 465c umfassen nahezu 24.0000 Archivalieneinheiten und sind seit 2010 vollständig durch ein Findmittel erschlossen. In etwa 170 Regalmetern sind Mitgliedschaftsunterlagen, Dokumente von Kreisleitungen, Ortsgruppen und weiteren Parteiorganisationen und Nebenorganisationen wie von SS, SA, Nationalsozialistischem Rechtswahrerbund und Nationalsozialistischem Lehrerbund zu finden. Eine Schwierigkeit bei der Arbeit mit dem Bestand stellt zum einen die Tatsache dar, dass im Findbuch bisher lediglich alphabetische Indices zu finden sind, wodurch nicht sicher davon ausgegangen werden kann, dass in dieser Akte die gesuchte Person aufzufinden ist. Zum anderen handelt es sich um Sammelakten – heterogene, ungeordnete Überlieferungen, deren Titel häufig keine Rückschlüsse auf den Inhalt der Akten zulassen.

Circa 500 Akten des Bestandes 465c entstammen den Überlieferungen der Dienststellen der Gauleitung, vor allem des badischen Gaupersonalamtes, welches im Jahr 1940 seinen Sitz in Karlsruhe innehatte und von 1934 bis 1945 hauptamtlich von Adolf Schuppel geleitet wurde. Dessen Aufgabe war die Mitwirkung beim Erstellen von „Politischen Beurteilungen“ über Beamte, die im Kontext von Einstellungen, Beförderungen, Versetzungen und Beschwerden notwendig wurden. Zunehmende Eingriffe in die Personalpolitik und Kompetenzstreitigkeiten führten zu Querelen mit dem Gauamt für Beamte und stärkten die Bedeutung des badischen Gaupersonalamtes. Als Quellen liefern die „Politischen Beurteilungen“ trotz ihres parteiinternen Entstehungskontextes, in dem persönliche und politische Rivalitäten und damit verbundene mitunter sehr subjektive Sichtweisen eine nicht unbedeutende Rolle spielten, wertvolle Informationen zu den Biographien einzelner Beamter und Hinweise zu deren politischem Engagement.

Häufig beginnt die Überlieferung mit einer an das Gaupersonalamt gerichteten Anfrage, wie die betreffende Person politisch zu beurteilen sei, um für die anstehende Beförderung oder Neueinstellung die Interessen der NSDAP zu wahren. Weiterhin konnten auch Beschwerden Anlass dazu sein, eine Beurteilung anzufordern, beispielsweise wenn eine Ernennung ohne Einholung der politischen Begutachtung erfolgte.

Durch das Gaupersonalamt wurden Recherchen in Gang gesetzt, indem die die Person und Funktion betreffenden Stellen angeschrieben wurden. Häufig sind Schreiben an den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, den Reichsstatthalter Robert Wagner, den Gauinspektor oder den Kreisamtsleiter zu finden, in welchen um „eingehende politische Begutachtung“ ersucht wurde. In ausführlicheren Fällen konnte es auch vorkommen, dass Parteigenossen und sogar Verwandte zu Beurteilungen aufgefordert wurden. Am Ende einer solchen Anfrage steht häufig die von Schuppel unterzeichnete Antwort, dass er sich mit der Ernennung oder Beförderung einverstanden erklärt.

Die aus der Lektüre der Akten resultierenden Erkenntnisse können sehr unterschiedlicher Art sein, häufig geben die Korrespondenzen Hinweise zu den Verhältnissen der Personen untereinander, zum Agieren der jeweiligen Vorgesetzten oder auch zur Bedeutung einer parteitreuen Einstellung. So bleibt das Ernennungsgesuch Eduard Emeles zum Regierungsdirektor beispielsweise erfolglos, da seine politische Einstellung als „nicht gefestigt“ bezeichnet wird.

Beachtenswert ist hierbei, dass einer solch negativen Beurteilung durchaus nur wenige Monate später eine konträr klingende – ebenfalls vom selben Verantwortlichen unterzeichnete positivere Einschätzung – folgen konnte. So wurde beispielsweise im Jahr 1937 im Personalblatt des Amtes für Beamte bei der Gauleitung der NSDAP Oberregierungsrat Emil Baumgratz „sichtbares Bemühen“ und besondere Leistung abgesprochen, durch seine bis zum Jahr 1933 andauernde Mitgliedschaft in der Zentrumspartei sei „seine unverzügliche Ablösung notwendig.“ Drei Jahre später wurde seine Beförderung in der „Politischen Beurteilung“ vom Karlsruher Kreisamtsleiter des Amtes für Beamte befürwortet – er habe „Durch sein umfangreiches Wissen und großes Können […] dem natsoz. Staat seit der Machtübernahme große Dienste geleistet.“

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Politische Beurteilung von 1936 | Klicken zum Vergrößern

Gesuche von Aufnahme in die NSDAP und der Umgang mit denselben spielen ebenfalls eine Rolle in den Akten. So lautete die Antwort eines Hauptstellenleiters an die Kreisleitung in Karlsruhe als Reaktion auf den Antrag auf Parteimitgliedschaft eines Oberfinanzrats im Jahr 1939: „hat Dr. Fetzer, nachdem er die Gelegenheit im Jahre 1937 glücklich verpasste, neuerdings nun doch um seine Aufnahme in die Partei nachgesucht. Sollte seinem Antrag weitere Folge gegeben werden, so würde sich das unter Umständen dahin auswirken, dass uns die Möglichkeit genommen wird, bei einer späteren Beförderung Fetzers erfolgreich Einspruch zu erheben.“ Eine Aufnahme habe daher „unter allen Umständen“ zu unterbleiben. Im Schreiben wird dazu geraten, den Aufnahmeantrag „in Verstoss“ geraten zu lassen, um ihn nach Inkrafttreten der Aufnahmesperre wieder aufzufinden.

Ebenfalls interessant ist im Kontext des Ernennungsvorschlags des Regierungsrats Hermann Faisst die Reaktion von Robert Wagner auf die „politische Untauglichkeitserklärung“ seitens des Amtes für Beamte und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS. Er urteilt daraufhin nämlich folgendermaßen: „Da Regierungsrat Faisst im 49. Lebensjahr steht und dienstlich sehr stark in Anspruch genommen ist, möchte ich davon absehen, die Einbringung eines Beförderungsvorschlags von einer aktiven Betätigung in der Bewegung abhängig zu machen, zumal über seine politische und charakterliche Haltung etwas Nachteiliges nicht bekannt worden ist.“ Daraufhin wurde ein revidierendes Urteil der betreffenden Stellen eingefordert.

Wie die dargelegten Beispiele zeigen, können die Akten des Bestands 465c interessante Quellen darstellen, die zum einen Einblicke in behördliche Vorgänge gewähren und zum anderen biographische Informationen liefern. Allerdings ist zu beachten, dass es sich häufig – wie beispielsweise bei den vorhandenen Charakterbeschreibungen in den auszufüllenden Vordrucken des Gaupersonalamtes – um sehr stereotype und vorurteilsbehaftete Beschreibungen handelt, die von persönlichen Vorbehalten, Denunziationen oder anderen unbekannten Faktoren beeinflusst sein können.

[1] Vortrag im Rahmen der Tagung: „Deutsch-französische Besatzungsbeziehungen im 20. Jahrhundert“, am 17.03.2016, von Dr. Martin Stingl mit dem Titel: „Verschlungene Pfade. Die Rückführung von Archiv- und Registraturgut badischer Provenienz aus dem Elsass und die Überlieferung der NSDAP im Generallandesarchiv Karlsruhe“.

Quelle: GLA 465c/418

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