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War Hitler Vegetarier? Eine Anekdote als Aufgabe für Historiker

Hitler auf seiner Vortragsreise im Herbst 1930, hier in Weimar | Bundesarchiv, Bild 102-10541 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Hitler auf seiner Vortragsreise im Herbst 1930, hier in Weimar | Bundesarchiv, Bild 102-10541 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

„Nach der Versammlung haben Wagner und ich im Hotel Sonne, in dem er abgestiegen war, eine kurze Unterredung mit Hitler, wobei ich erstaunt war, ihn nach einer so langen und anstrengenden Rede so frisch vorzufinden. Erwähnenswert war, daß er Leberknödel speiste, wie ich erfuhr, das einzige Fleischgericht, das er zu sich nahm.“

Walter Köhler, im „Dritten Reich“ badischer Ministerpräsident, befand sich im November 1930 mit Adolf Hitler und dem badischen Gauleiter Robert Wagner in Offenburg, als sich diese Begebenheit abspielte. Dass Köhler noch 46 Jahre später eine solche eher unwichtige Angelegenheit in seine Memoiren aufnahm, dürfte zunächst einmal verwundern. Tatsächlich aber verweist diese Anekdote auf einen privaten Aspekt der ansonsten öffentlichen Person Hitlers, der in verschiedenen Ausprägungen und aus unterschiedlichen Gründen immer wieder in die Debatten zurückkehrt: seinen Vegetarismus.

Zur Forschungsarbeit von Historikern gehört als grundlegendes Werkzeug die Quellenkritik: Sie steht am Anfang der Betrachtung einer Überlieferung und soll dazu dienen, den Informationsgehalt der Überlieferung zu prüfen. Die Form der Quelle, ihr Entstehungszeitraum und -kontext, die Authentizität, Verfasser und Adressat gehören zur äußeren Quellenkritik – der tatsächliche Inhalt, seine Glaubwürdigkeit und die möglichen Motive des Urhebers dagegen zur inneren Quellenkritik.

Im Falle der Memoiren Walter Köhlers und vieler anderer zeitgeschichtlicher Überlieferungen ist die äußere Quellenkritik weniger kompliziert als für Mediävisten oder Althistoriker: Bei der Quelle handelt es sich um Lebenserinnerungen, die auf den 19. Juli 1976 datiert und mit durchgehenden Seitenzahlen versehen sind. Auch an der Urheberschaft Köhlers gibt es keine begründeten Zweifel, ebenso wenig an den Adressaten, die er im Vorwort der Erinnerungen nennt:

„Ich habe nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben und es der Öffentlichkeit vorzulegen. Meine Arbeit ist bestimmt für meine Kinder und Enkel, soweit sie sich für die Vergangenheit interessieren, und für diejenigen, die sich mit dem Phänomen Hitler als Historiker oder politische Schriftsteller herumzuschlagen haben.“

Köhler hatte also durchaus das Ziel, das zukünftige Bild seiner Person und seines Wirkens zu beeinflussen. Gleichzeitig darf man ihm aber auch unterstellen, seine zukünftigen Leserinnen und Leser mit seiner Nähe zur NS-Elite zu beeindrucken, was seine Glaubwürdigkeit unterstreichen soll. Solche Episoden wie die oben zitierte sind ob ihrer scheinbaren Banalität ein gutes Zeichen dafür. Köhler griff mit der Erwähnung des Fleischkonsums Hitlers nämlich das weit verbreitete Bild des „Führers“ als vegetarischem Asket und Tierliebhaber auf, das sich in den 1930er Jahren etabliert hatte und bis heute fortlebt.

Tatsächlich aß Hitler, in diesem Punkt ist sich die Geschichtswissenschaft weitgehend einig, äußerst wenig Fleisch, wohl vorwiegend aus gesundheitlichen Gründen. Doch Ausnahmen gab es zuhauf: Neben den bereits erwähnten Leberknödeln nahm Hitler zumindest bis Mitte der 1930er Jahre auch gerne Weißwurst und Geflügel zu sich. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, schon damals das Idealbild des Vegetariers wortreich hochzuhalten, wie Ian Kershaw es in seiner Hitler-Biografie an einem Vorfall aus dem Jahr 1932 beschreibt, der auf die Schilderung des damaligen Hauptschriftleiters des Hamburger Tageblatts, Albert Krebs, zurückgeht:

„[Er] fragte stattdessen den Gauleiter zu seiner Überraschung, was er von vegetarischer Kost halte. Ohne eine Antwort abzuwarten, habe Hitler zu einem langatmigen Vortrag über vegetarische Lebensweise angesetzt. Krebs empfand den Wortschwall als verrückten Ausbruch, der auf die Überwältigung und nicht die Überredung des Zuhörers zielte.“

Auch wenn im „Dritten Reich“ die fleischlose Ernährung nie von der Propaganda zum Ideal aller Deutschen erhoben wurde, wie dies etwa bei den Nichtraucherkampagnen der Fall war, so wurde das Bild Hitlers doch von seiner vermeintlich frei gewählten Askese geprägt. Der Bildband „Hitler wie ihn keiner kennt“, herausgegeben von Hitlers Fotografen Heinrich Hoffmann, widmete sich ausführlich dessen  Tierliebe und vegetarischer Ernährung und wurde bis 1945 in einer Millionenauflage gedruckt und verkauft. Der Cottbusser Saftfabrikant Ernst Buchwald schickte Hitler nach der Lektüre des Bandes eine Kiste seines Apfelsaftes in der Hoffnung, „dass der Führer ein Glas in Gedanken an Deutschlands Aufstieg leeren wird.“ Es spricht tatsächlich einiges dafür, dass das vegetarische Idealbild des „Führers“ nur aus politischem Kalkül nicht als Vorbild der gesamten „Volksgemeinschaft“ eingesetzt wurde: Am 23. April 1942 erwähnte Hitler in einem seiner Monologe in der Berliner Reichskanzlei den Plan, nach dem Kriegsende die Essgewohnheiten der Deutschen zu ändern, was mitten im Kampf schlecht möglich sei. Nur drei Monate vorher hatte er in der Wolfsschanze postuliert:

„Wir hätten den Nationalsozialismus in Deutschland nicht erfolgreich durchsetzen können, wenn ich die Fleischkost verboten hätte. Sofort wäre die Frage aufgetaucht, z’wegen was ist dann überhaupt eine Kalbshaxn da?“

Dennoch blieb Hitlers Vegetarismus im kollektiven Gedächtnis der Deutschen auch nach dem Zusammenbruch 1945 haften und wurde zu dem, was der Literaturwissenschaftler Marcel Atze ein „Asketen-Mythem“ nennt. Allzu aufregend und rätselhaft schien der Gegensatz zwischen unbedingter Tierliebe und nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, zu verführerisch war er als Totschlagargument in Diskussionen über fleischlose Ernährung. Dass die Behauptung „Hitler war Vegetarier“ in der deutschen Nachkriegsgesellschaft eine weit verbreitete Information darstellte, machte sie für Walter Köhler zu einer idealen Anekdote, um seine Nähe zum späteren „Führer“ noch einmal zu veranschaulichen. Das obenstehende Zitat ist somit weniger eine Quelle für Hitlers Fleischkonsum als für eine der Intentionen, mit denen Köhler seine Memoiren verfasste.

 

Quellen:

Walter Köhler, Erinnerungen, 19. Juli 1976, in: Stadtarchiv Weinheim Rep. 36 Nr. 4298.

 

Mit Dank an Katrin Hammerstein für den Hinweis auf die Fundstelle in den Erinnerungen Köhlers.

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